Erschienen in Ulmer Echo 1/2009

„Ersatzmama von der Ulmer Höh`“

Artikel von Daniel Boss

(erschienen in: WZ, 20.12.2008)

Foto: Boss (WZ)Lioba Lichtschlag bringt den Häftlingen in dem Düsseldorfer Gefängnis seit 24 Jahren das Singen bei. Damals wollte die Lehrerin wissen, welche Zustände da herrschen.

Die schweren Jungs wollen Bonbons. Artig stellen sie sich bei Lioba Lichtschlag an, die wie bei jeder Probe einen ganzen Beutel voller Drops dabei hat. Zur Auswahl stehen Multi-Vitamin und Sahne. „Die Bonbons sind gut für die Stimme“, sagt die Leiterin des Chores in der Düsseldorfer Justizvollzugsanstalt (JVA) Ulmer Höh'.
Seit 24 Jahren macht sie mit Häftlingen Musik. Jeden Samstagnachmittag wird in der Gefängniskirche zwei Stunden lang geübt. Schließlich soll am Sonntagmorgen das Lob Gottes sauber und textsicher erschallen. Auch dann dirigiert Lichtschlag die Gruppe. Zwischen zwölf und 20 Männer hören so zweimal pro Woche auf das Kommando der zierlichen 65-Jährigen mit den weißen Haaren.
Momentan gibt es für sie und ihr Ensemble besonders viel zu tun, denn auch hinter Gittern weihnachtet es. „Bitte Nummer 106 im kleinen roten Buch aufschlagen“, fordert die Chorleiterin ihre Sänger auf, die in Jog-ginghosen, Kapuzenpullis, Turnschuhen oder Badelatschen vor ihr sitzen. „Kündet allen in der Not“ - dunkel und rau kommt der Adventsklassiker aus den Männerkehlen. Darüber schwebt der klare Mezzosopran der einzigen Frau im Raum.
Auch die Stimme eines stark tätowierten Mittdreißigers ist deutlich rauszuhören, allerdings aus einem anderen Grund: „Ich bin hier mit der Lauteste“, sagt der Punk-Fan stolz. Draußen sei er Mitglied in einer Band gewesen. „Hier in der Kirche kann ich den Frust raussingen, der sich in der Woche angesammelt hat.“ Seit mehreren Monaten gehört er zum Knast-Chor, in Haft sitzt er unter anderem wegen Diebstahls.

„Männer im Gefängnis sind sehr feinfühlig"


„In der langen Zeit, die ich schon mit verurteilten Straftätern arbeite, habe ich nie Angst gespürt“, erzählt Lichtschlag. Ihre Erfahrung sei vielmehr die, dass die Männer im Gefängnis sehr feinfühlig seien. „Da sie einander nicht ausweichen können, müssen sie das ja auch sein: Wenn jemand beleidigt wird, hat das sofort Konsequenzen.“
Ein böses Wort ihr gegenüber ist ohnehin kaum vorstellbar. Denn die pensionierte Lehrerin genießt großen Respekt in der JVA. Wenn einige der Chorknaben zu laut in den Kirchenbänken tuscheln oder die Gitarristen die Akkorde aus Jux zu rockig spielen, genügt meist ein kurzer strenger Blick durch ihre dicken Brillengläser. Sofort beugen sich die Schuldigen dann wieder über die Noten.
„Sie als Mann können sich doch nicht wie ein dummer Schüler benehmen“, wirft sie schon mal besonders übermütigen Gefangenen an den Kopf. Die Beamtin Lichtschlag mag im Ruhestand sein – die Pädagogin in ihr ist es nicht. Anhand eines Gospelsongs erläutert sie den Unterschied zwischen den englischen Wörtern „through“ und „throw“. Ein französisches Weihnachtslied nimmt sie zum Anlass, den „accent aigu“ vorzustellen.
Die gebürtige Mönchengladbacherin, zusammen mit fünf Geschwistern in Viersen aufgewachsen, beginnt in den 60er-Jahren als Volksschullehrerin im niederrheinischen Millingen. Später unterrichtet sie an der Karthause-Hain-Hauptschule in Düsseldorf, wo sie im Stadtteil Pempelfort lebt. „Die pädagogische Begabung wurde mir vererbt, schon mein Großvater war Studienrat“, sagt sie. Auch die Liebe zur Musik liegt in der Familie: „Wir haben mehrstimmig gesungen und überhaupt sehr viel musiziert.“
Zu der Arbeit im Gefängnis kommt sie durch ihre Neugierde: Sie habe wissen wollen, „welche Zustände hier herrschen“. Lichtschlag besucht einen Bildungswerk-Kurs mit dem Titel „Der Gefangene, unser Mitbürger“. Sie entscheidet sich für ein ehrenamtliches Engagement - und probt am dritten Adventssonntag 1984 das erste Mal hinter den dicken Mauern und Stahltüren der Ulmer Höh'. „Für das Weihnachtsprogramm hatten wir damals natürlich nicht mehr viel Zeit, aber irgendwie hat es geklappt.“
Manche der Männer sehen in der gleichaltrigen und unverheirateten Frau mehr als eine Chorleiterin: „Ich hatte früher auch schon mal welche, die sich von mir angezogen fühlten“, erzählt sie. Denen habe sie aber schnell die Grenzen gezeigt. „Vor allem Leute aus dem Rotlichtmilieu mussten durch mich plötzlich ihr Frauenbild ändern, ein Zuhälter war innerlich sogar richtig durcheinander.“ Mittlerweile stehe aber „das Mütterliche“ im Vordergrund, „Ersatzmama“ nennt sie ein Häftling während der Probe.
Dieser junge Mann, ein Moslem, wirkt richtig traurig, dass er bald entlassen wird und nicht mehr jedes Wochenende zusammen mit Lioba Lichtschlag das Halleluja anstimmen kann. „Ich muss aber noch ein Foto mit Ihnen drauf haben“, bittet er sie. „Dafür ziehe ich mich auch anders an und rasiere mich.“
Im Chor der bekennenden Katholikin kann jeder mitsingen, gleich ob christlich oder muslimisch, ob tief religiös oder mit einer atheistischen Einstellung. „Ich glaube nicht an Gott“, sagt etwa Andreas, der „wegen BTM-Geschichten“, gemeint sind Drogen, ins Gefängnis musste. Singen mache ihm „einfach Spaß“.
Und so schmettert Andreas mit Inbrunst „O Heiland, reiß die Himmel auf.“ Eine Zeile des Textes aus dem 17. Jahrhundert finden die Gefangenen „sehr passend“ und fangen an zu lachen. Auch Lioba Lichtschlag muss schmunzeln. In dem Lied des Lyrikers Friedrich Spee heißt es: „Reiß ab, wo Schloß und Riegel für!“

Der Artikel oben ist in der Wochenendbeilage der WZ am 20.12.2008 erschienen. Die Redaktion hat das zum Anlass genommen, Frau Lichtschlag zum Interview in die Redaktion einzuladen.

UE: Frau Lichtschlag, Sie werden in der WZ „Ersatzmama von der Ulmer Höh’“ genannt, und das ausgerechnet in der Überschrift. Sehen Sie sich so?
Nein, ich bin nicht die Ersatzmutter der Inhaftierten. Ich singe als Frau mit den Gefangenen.

UE: Finden Sie es denn in Ordnung, als Ersatzmama bezeichnet zu werden?
Nein, aber ich weiß, wie es zu dieser Bezeichnung gekommen ist.

UE: Sie singen mit den Gefangenen. Was kann daraus entstehen?
In Bezug auf die Texte der Lieder kommen oft Gespräche auf. Die Inhaftierten fragen nach, was ein Text bedeutet, oder sagen, was Ihnen gefällt. Da wird persönlich gesprochen und es kommt vor, dass einer über ein Lied oder eine Bemerkung von mir sagt: „Sie haben getroffen, was mich gerade bewegt.“ Nicht selten entwickeln sich daraus Gespräche unter vier Augen. Durch Gesangstexte oder Beobachtungen bekomme ich die Sorgen der Gefangenen mit und wir können darüber reden.

UE: Ist es für Sie leicht, ins Gefängnis zu gehen?
Ja, weil es eine Aufgabe für mich ist, und weil ich spüre, dass das gemeinsame Singen den Menschen hier gut tut.

UE: Machen Ihnen die vielen Gitter und verschlossenen Türen nichts aus?
Es ist eine Gegenwelt für mich. Ich lasse mich von ihr nicht bedrücken und spätestens, wenn ich die Gefangenen begrüße, habe ich einen innerlichen Abstand zu all den Mauern und Gittern. Dann sind sie für mich als Barriere nicht mehr vorhanden, beeinflussen mich nicht länger.

UE: Was ist das Schönste für Sie, wenn Sie hier sind?
Das Schönste ist für mich, mit den Gefangenen zu singen. Ich bin dann mit ihnen zusammen in einer anderen Welt und der Knast ist ganz vergessen.

UE: Sie haben die Leitung des Kirchenchors schon 1984 übernommen. Wie kam es es dazu?
Es gab damals unter anderem im Fernsehen Berichte, in denen Vollzugsanstalten als eine Art „Hotel Knast“ dargestellt wurden. Mich interessierte die Realität und was ich tun kann. 1984 habe ich die Chorgruppe übernommen. Dass ich das 25 Jahre lang tun würde, habe ich damals wirklich nicht gedacht.

UE: Seit 1984 arbeiten Sie im Katholischen Gefängnisverein mit, ebenso lange kennen Sie unser Gefangenenmagazin. Was halten Sie vom Ulmer Echo?
Ich halte es für eine gute Zeitung, in der viele interessante Themen vorkommen. Und ich wundere mich über die Leistung, die dort vollbracht wird, all die Recherche und das Zusammentragen so vieler Details.

UE: Frau Lichtschlag, wir danken Ihnen für dieses Interview und wünschen Ihnen noch viel Freude mit dem Kirchenchor!

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