Erschienen in Ulmer Echo 1/2009

Eine Klagemauer in der Ulmer Höh`: das Ulmer Echo

Von Edy R.

Ungefähr 180 Tagesmärsche von hier liegt eine der ältesten Städte der Welt: Jerusalem ist für die Anhänger dreier Religionen heilige Stadt. Seit Jahrhunderten ist sie von jüdischen, muslimischen und christlichen Menschen gemeinsam bewohnt. Und das überwiegend zufrieden und friedlich, obwohl es natürlich immer etwas zu meckern oder zu klagen gab.

Eine Mauer für die Klagen
Zu dieser Stadt gehört die Klagemauer! Warum sie erfunden wurde, erzählt uns die folgende Geschichte: In einer Stadt, gerade einer mit so unterschiedlicher Bevölkerung, gibt es immer viel zu beklagen. Einst haben alle, die meinten, sich beklagen zu müssen (ob mit oder ohne guten Grund), dies mit Hingabe getan. Selbst am Nachmittag während des Marktbummels. Wo vorher fröhlich gequatscht wurde, gab es eines Tages nur mehr Gemecker. KeineR hörte anderen mehr zu, alle steigerten sich ins Selbstmitleid hinein. Atmosphäre und Handel litten gewaltig darunter.

Eine Klagemauer wird gebaut
Der Rat der weisen Männer, denn Frauen waren damals ausgeschlossen, hatte eine ebenso einfache wie brillante Idee: der Bau einer Mauer am Rande der City. An dieser Mauer konnte sich jedeR nach Gusto beklagen, in der eigenen Sprache, so viel und lang jedeR wollte. Das Ganze gab´s umsonst und Klagen konnten sogar in Schriftform der Mauer anvertraut werden: einfach auf einen Zettel schreiben und in eine Mauerritze stecken.

Abgefahrene Art
Bald hatten die Menschen sich an diese abgefahrene Art gewöhnt, sich von Unzufriedenheiten zu befreien. Die Klagemauer wurde ein Erfolg bei der Masse, denn sie quatschte nicht dazwischen und war geduldig. Und diese geile Idee mit dem Aufrollen eines Zettels, der dann in Mauerritzen hineingefummelnt wurde, war wirklich der Hammer. Aufschreiben, zusammenrollen, reinfummeln, fertig! Und schon war wieder Zeit, sich den wirklich wichtigen Dingen zu widmen. Der Markt war wieder belebt, wie einst; Leute trafen sich, sprachen miteinander und erlebten positive Dinge. Zum Klagen gingen alle zur Mauer.

Wohin mit den Klagen in der Ulmer Höh´?
Natürlich weiß ich, dass die Klagemauer in Jerusalem, die Westmauer des zerstörten jüdischen Tempels, eine andere Herkunft hat. Doch mit dieser kleinen Geschichte möchte ich auf unsere Verhältnisse in der Ulmer Höh' aufmerksam machen. Auch hier leben viele Menschen verschiedener Religionen und Kulturen zusammen, gehen auf engstem Raum miteinander um. Selbstverständlich gibt es auch hier viel zu meckern.

Überall wird gemeckert
Und wo wird nicht überall geklagt und gemeckert! In der Freistunde auf dem Hof, beim Umschluss, im Warteraum, beim Sport, beim Spannmann auf der Zelle, auf dem Spiegel und während der wertvollen Besuchszeit labern unsere Klagen noch unseren Liebsten einen Knopf an die Backe. Viele Nervenenden werden durch viele Gespräche strapaziert. So nerven wir uns gegenseitig, stehlen uns die Zeit, die wir besser nutzen könnten, indem wir uns positiv beeinflussen.

Leute, schreibt´s auf!
Und das alles, statt die Beschwerden aufzuschreiben, die Seele dadurch zu befreien und die Gedanken zu ordnen. Da es streng verboten ist, Zettel in unsere ehrwürdige Knastmauern zu fummeln, gibt es eine tolle Erfindung: den roten Briefkasten der Redaktion Ulmer Echo auf dem Spiegel! Manchmal waren nur altes Papier und leere Tabaksbeutel drin. Nur wenn es was zu gewinnen gibt, wird der Redaktionsbriefkasten frequentiert. Er ist aber dafür da, dass Ihr Eure Klagen und Probleme los werden könnt, ganz schnell und ganz einfach. Vertraut Eure Klagen einem Zettel oder Brief an, werft diese in den Kasten – und schon geht's Euch besser.

Ab in den Kasten – und Klagen werden gedruckt
Schaut Euch das Ulmer Echo mal an: Ihr werdet sehen, dass da praktisch alles zu Wort kommt, was wir von Euch bekommen. Sei es als Artikel, sei es als Leserbrief. Das Ulmer Echo ist Euer Magazin, ist für Euch da und macht Eure Probleme publik: unzensiert und anonymisiert. Ein Großteil unserer Auflage bleibt nicht hinter den Mauern, Eure Klagen werden also auch gelesen: Ehrenwort der Redaktion!

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