Erschienen in Ulmer Echo 1/2009

Das Entlassungsspiel

Eine Aufführung in mehren Akten

Von Anton Alarm

Hört, hört, irgendwann ist es für jeden soweit, der Tag der Tage ist gekommen und es geht in die Freiheit. Ich möchte zeigen, was dabei so alles möglich ist. „Ein Büßer stand im Bade und zwitschert vor sich hin, er freut sich auf die Reise, raus aus dem Unsinn.“

Der Computer weiß es
Im normalen Leben weiß hier im Knast ein jeder, wann er entlassen wird auf Beschluss, zum Strafende oder Therapieantritt. Die Entlassungsdaten sind im Computer eingetragen und der zu Entlassende kann seine Vorbereitungen treffen in Bezug auf Familie oder Freunde, die ihn z.B. dann abholen werden. Es gibt also ein bisschen Koordinationsarbeit, die obendrein noch Spaß macht. Normalerweise.

Foto: WS Entlassung jetzt sofort?
Beim Besuch erfährt ein Büßer von den dortigen Beamten, dass seine Entlassung vorverlegt worden ist. Der Büßer hat im Knast gearbeitet und die Anstalt will die angefallenen Urlaubstage nicht auszahlen, denn so etwas kostet schnell mal 60 € oder mehr; also ist es besser, den Mann früher laufen zu lassen, das spart der JVA Geld und ihm schenkt das ein paar Tage eher die Freiheit. Die freudige Nachricht tut sehr gut, aber die Freude ist leider bald vorbei. Der Besuch wird abgebrochen; die Freundin wartet brav vor dem Tor; Mann muss noch zurück, Papierkram erledigen. Dabei fällt dann auf, dass der Entlassungstermin doch nicht heute ist, sondern am Donnerstag erst, in zwei Tagen.

Schock da, Freude weg
Das ist natürlich erstmal ein Schock, die Freude flugs verflogen. Am schlimmsten wird es der Freundin gehen, die da draußen steht oder geht, sich noch freut und wartet und von nichts weiß und denkt, dass er gleich kommt, der Mann. Denkste.

Umgang mit Menschen
Jetzt gibt es ein Kapitel aus dem großen Duden der Justiz, ein Kapitel, das sich mit dem Umgang mit Inhaftierten befasst. Wir würden erwarten, dass, wenn das mit der Frühentlassung ein Fehler war, also keine böse Absicht oder ein GANZ komischer Scherz, (wovon wir in diesem Fall ausgehen), jemand dafür gradesteht und eine Entschuldigung abfasst, wenn auch nur kurz und in gesprochenen Worten.

Es kam aber anders
Der Büßer redet sich in seinem Kopf natürlich alles schön; wie soll auch sonst ein Aufenthalt hier unbeschadet überstanden werden. Wer kann sich aber in solch einem Moment davon freisprechen, aufgebracht zu sein? Keiner, dessen Freundin draußen vor dem Tor wartet, auf ihn, den gerade Entlassenen, mit dem der Besuch gerade abgebrochen wurde, weil er ja gleich freigelassen werden soll.

Der Kirchenmann musste es richten
Der Büßer regt sich auf, wenn von Recht überhaupt gesprochen werden kann, dann zu Recht. Denn ruck-zuck ist die Geschichte von der Entlassung vergessen und dem Büßer wird der Bunker angeboten an Stelle der Freiheit. Einige Beamte waren schon in „Hilfestellung“ gegangen, zwecks schneller Beförderung dorthin. Die Freundin wartet immer noch, draußen. Keiner macht sich die Mühe, sie zu informieren, sie nochmals zur Tür zu rufen. Telefonieren durfte der Büßer auch nicht, um ihr selbst mitzuteilen, was passiert war. Ein zufällig vorbeikommender Kirchenmann hört das Klagen und ruft wenigstens die Freundin an, die heute nicht mehr warten muss, sondern gehen kann, ohne Mann.

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