Erschienen in Ulmer Echo 1/2009




Von Edy R.

Als Dostum: Peter PrinczTeilhaben durften wir an einer Aufführung des Theaters der Klänge, die uns hier – an einem Platz ohne Freiheit – mit ihrer Kunst in den Bann zog. Eine Aufführung, die von allen Seiten mit unsicheren Gefühlen erwartet wurde: schon beim Aufhänger der Plakate wurde deutlich, dass die Lesenden wenig über Jihad und Kunst wissen, aber schnell bereit sind, ihr durch Medien geprägtes Halbwissen ohne jede Kenntnis des Stückes zu äußern, sogar Plakate abzureißen.

Gefangen der Freiheit näher
Auf der Bühne, in der Kirche der Ulm, übertrafen Akteure und MusikerInnen die Erwartungen wirklich aller, denen es ver- oder gegönnt war, 90 Minuten lang dem unfreien Alltag zu enfliehen, Schauspielkunst und einem höchst interessant aufbereiteten Thema zu begegnen. Das Stück, von Marc Pommerening geschrieben und von Prof. Lensing inszeniert, hatte im Januar Premiere; bereits am 20.01. wurde die Produktion zum Thema Freiheit in der Ulmer Höh´ dem wirklich unfreien Publikum vorgeführt.

Wahre Begebenheiten
Das Stück beruht auf wahren Begebenheiten. John Lindt, in den USA „frei“geborener Amerikaner, entflieht mit 20 Jahren der in seinen Augen nur vermeintlichen Freiheit seines Heimatlandes, schließt sich den Gotteskriegern in Afghanistan an, studiert den Koran in arabischer Sprache, glaubt den Islam zu verstehen und lässt sich schlussendlich auch an der Waffe ausbilden. Er wird zum militanten Gotteskrieger, der seinen Glauben bis zum Tod verteidigen will. In einem Gefecht wird er gefangen genommen und in ein afghanisches Gefängnis gesteckt. Dort wird eine Gefängnis-Revolte blutig, mit hunderten von Toten, von der Nordallianz niedergeschlagen.

Der Taliban ist Amerikaner
Hier setzt die Handlung des Stückes „Johnnys Jihad“ ein. John Lindh überlebt als einer der Wenigen das Massaker und wird von dem CIA-Mann Tyson verhört, der dann erkennt, wen er vor sich hat – einen Landsmann, einen amerikanischen Taliban. Der Dritte im Bunde ist ein General, Militär und Politiker, einer derer, die angeblich nur auf Befehl agieren, somit nie auch nur Teile der Schuld am von ihnen angerichteten Unheil tragen. General Dostum, kampferprobter Haudegen, hat schon unter russischer Besatzung Krieg geführt. Damals für die Russen, jetzt für die USA – oder vielleicht doch hauptsächlich für sich selbst? Er ist einer geworden, der die Dinge nimmt, wie es gerade opportun ist, was nicht passt, wird so gemacht, egal mit welchen Mitteln, Hauptsache im Namen der Freiheit.

Alles: im Namen der Freiheit
In den Vernehmungen wird überdeutlich, wer was von wessen Freiheit hält und zu welchen Mitteln die Guten, zu denen sich in diesem Stück jeder der Beteiligten zugehörig glaubt, greifen, um die vermeintliche Freiheit zu schützen. Die Werte der Herkunfts-Gesellschaft werden so hoch wie möglich – und jeder, der sie auch nur anhaucht, noch höher gehängt. Für wen die Freiheit höchstes Gut ist, der darf doch in ihrem Namen foltern!? Pardon: für US-Amerikaner heißt das: durch General Dostum und Konsorten foltern lassen...

Lob für ein perfektes Stück
Aufgeführt wurde „Johnnys Jihad“ in Perfektion. Das gilt für die Leistung aller Beteiligten. Ein großes Lob verdienen auch Debasish und Conny für die Musik: ihre Trommel-Klänge begleiteten jedes Auf und Ab des Stückes ausgezeichnet. Schade nur, dass die Anstaltsleitung verhinderte, dass mehr der Interessierten teilnehmen konnten. Die sehr unfreie Gemeinde der Ulmer Höh’, die der Aufführung mucksmäuschenstill und z.T. atemlos folgte, sagt hier nochmals: Danke. Wir bleiben zwar der Übermacht erlegen, im Geiste jedoch unbesiegt.


Mein Stück JOHNNYS JIHAD, ein Kammerspiel in Blankversen,
widmet sich dem ideologisch aufgeladenen Begriff der westlichen
Wertegemeinschaft: der Freiheit

(Marc Pommerening)

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