Erschienen in Ulmer Echo 1/2009

Spannende Gegenüberstellung nach 13 Jahren

Vergleich der heutigen mit den Zuständen, wie sie das Ulmer Echo 1996 beschreibt

Von Edy R.

Ist es vermessen zu behaupten, dass alles noch beim Alten ist, oder hat sich was verbessert? Oder ist gar der Rückwärtsgang eingelegt worden? Uns haben ein paar alte Ausgaben des Ulmer Echo angelächelt, beim Sortieren des Archivs. So hat sich die Frage gestellt, ob und wenn ja, was sich in der Zeit hier verändert hat.

Als ob es heute wäre
So fiel uns zum Beispiel folgendes ins Auge: Es war damals ein Paul, der wurde verhaftet, weil er etwas getan haben soll, wie üblich. Dieser beschreibt in der Ausgabe 2/1996 den Alltag auf der Ulm. Beim Lesen dieser guterhaltenen Lektüre fiel mir auf, dass ich schnell dazu neige zu glauben, dass es sich um eine Ausgabe von neulich handeln könnte, bis der Blick auf das Datum fällt: hat sich nichts geändert in den letzten 13 Jahren? Denn so lang ist es her. Weiter fällt ein Kasten ins Auge, in dem gedruckt steht „Von über 600 Gefangenen haben momentan nur ca. 260 eine Arbeit“, wie sich die Geschichte wiederholt, genau wie folgender Satz „In den letzten Monaten fast ständig mehr als 600 hier inhaftierte Menschen, d.h.: doppelt belegte Einzelzellen, höhere Belastung der Bediensteten. ...“. Sehr aktuelle Dinge, die uns da entgegen kommen. Auch wenn sich die Belegungssituation seit 2008 etwas gemildert hat, gibt es kaum einen Hinweis darauf, dass da etwas geändert wurde.

Postkutsche rollt immer noch
Ein leidiges Thema ist immer wieder die Post, speziell die der U-Gefangenen, denn die muss ja durch die Postkontrolle des zuständigen Richters oder der Staatsanwaltschaft, wird mit der Minna, dem Justizbus, mitgenommen und durch’s Land transportiert. Das ist auch im Ulmer Echo von 1996 nachzulesen, und wir finden gleichen Inhalt in einem heute erstellten Klagebrief. Geplante Änderungen kommen nicht über die Planungsphase hinaus, zumindest nicht so schnell.

Essen (nicht die Stadt, die Nahrung)
Natürlich gab es auch einen Artikel über das Essen, wie sollte es auch anders sein. Erfrischend zu lesen, denn das Essen muss wohl vor diesen vielen Jahren deutlich besser gewesen sein als heute. Nicht, dass wir uns in diese Zeit zurück wünschen (denn wir sind ja gereift). Aber das subjektive Empfinden der Essensqualität muss damals besser gewesen sein, denn es wurde nicht gemeckert; es wurde beschrieben, dass die Verköstigung nicht der eines Sterneladens entsprach, aber dass die gereichte Nahrung ausreichend und ordentlich zubereitet war.

Drogen
Wie gedacht, waren die Drogen und die Abhängigen auch damals schon ein Thema. Es gab sie hier im Gefängnis und es gab auch schon Abhängige, die auf Therapieplätze warteten, ein Jahr lang, mal mehr, selten weniger. Heute dauert das wohl auch so lange.

Leserbriefe
Das war für mich nett anzusehen, dass es eine große Anzahl von Leserbriefen gab. Also hatten die Insassen Zeit und Muße, an die Redaktion zu schreiben. Eine Eigenschaft, die in den letzten paar Jahren wohl eingeschlafen sein muss. Uns fiel auf, dass frei über Missstände berichtet wurde, also Anregungen von Gefangenen an die Redaktion weitergeleitet wurden, uns somit zugänglich gemacht wurden und damit auch ihren Platz in der Zeitschrift gefunden haben, am Pranger.

Als wäre die Zeit stehen geblieben
Alles in allem sieht es so aus, als wäre die Zeitung gestern erschienen und nicht vor langen 13 Jahren aus der Druckerpresse gekommen; als wäre die Zeit stehengeblieben, zumindest hier drin. Viele Dinge, die heute als Missstand erlebt werden, waren damals schon aktuell. Dinge, die damals kurzfristig, schnell abgestellt werden sollten, existieren heute noch in unveränderter Form. Glücklicherweise haben wir unsere alten Ausgeben verwahrt. Ein Stück Geschichte aus der Anstalt, der Verwahranstalt.

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