Erschienen in Ulmer Echo 1/2009

Justitia schaufelt ihr Grab

Anmerkungen zu Titelbild und Schwerpunktthema

Von Wolfgang Sieffert OP


Die personifizierte Gerechtigkeit: auf unserem Titelbild steht „Justitia“ in ihrem selbst geschaufelten Grab. In unserer Kultur ist die Figur der „Justitia“ Wahrzeichen der Justiz. Ursprünglich wurde die römische Göttin der Gerechtigkeit wie auf dem kleinen Foto ohne Augenbinde dargestellt. Was vor über 500 Jahren der Verspottung diente, die verbundenen Augen, galt später als Zeichen der Überparteilichkeit: Justitia fällt ihre Urteile ohne Ansehen der Person. Die Zeichnung unseres Redakteurs Christian K. illustriert unser Schwerpunktthema. Unser Rechtssystem gefährdet sich momentan gleich auf mehreren Feldern. Ob in Fragen der bürgerlichen Grundrechte, in der Vollzugsgerechtigkeit, der Wahrheitsfindung und Gleichbehandlung im Strafprozess (Deal) – es geht um Grundpfeiler der Justizordnung. Zieht sich Justitia den Boden unter den Füßen weg, schaufelt sie ihr eigenes Grab? Oder wird es ihr geschaufelt von politisch Handelnden, die populistisch oder kurzsichtig nur ihren momentanen Nutzen vor Augen haben, in der Öffentlichkeit Nebelkerzen werfen („Terrorismusgefahr“ oder „Abschrekkung“) und so die Grundlagen der Rechtsordnung gefährden? Trägt Justitia die Augenbinde zu Recht? Nimmt sie nicht wahr, wie an ihren Grundfesten gerüttelt wird, wenn „in dubio pro reo“ oft genug dem Grundsatz weicht: im Zweifel spricht alles gegen den Angeklagten oder die Freiheit eines unschuldig Einsitzenden nur ein paar Euro am Tag wert ist – um nur zwei Beispiele zu nennen? Lesen Sie unsere Schwerpunktartikel und urteilen Sie selbst.

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