Erschienen in Ulmer Echo 1/2009

Drogen und Entzug im Knastalltag

Zahlen zu diesem Problembereich sind Schätzungen, aber erschreckend

Von Andreas R.

Foto: ArchivDrogenabhängigkeit gehört (neben psychiatrischen und Infektionskrankheiten) zu den Hauptproblemen des Strafvollzuges. Die Auswirkungen auf Sicherheitsaspekte und Beziehungen zwischen Inhaftierten und Personal sind enorm. Zudem kann, wenn der Konsum illegaler Drogen im Zusammenhang mit der Straftat steht, Haft u.U. durch Therapie vermieden werden {§35 und §36 BtMG: Therapie statt Strafe).

Unterscheidungen
Für einen Überblick über die Drogenproblematik gilt es bei allen Statistiken grundsätzlich zu unterscheiden: 1. Gefangene mit Verstößen gegen das BtMG (die nicht immer drogenabhängig sind) 2. Abhängige überhaupt (auch von Alkohol, Tabletten, Haschisch etc.) 3.Intravenös konsumierende Gefangene (in der Regel Heroinkonsum)

Abhängigkeit im Vollzug
Laut Statistischem Bundesamt waren 2006 14% der verurteilten Gefangenen wegen Verstößen gegen das BtMG in Haft. Zu unterscheiden ist von den Btm-Verurteilten die Rate der Abhängigen in Gefängnissen, die weltweit mehr als 10 Mal höher ist als außerhalb und zwischen 10 und 48% in Männergefängnissen und 30-60% im Frauenvollzug schwankt. 2006 hat das European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction (EMCDDA) festgestellt, dass die Rate der Gefangenen, die Drogen intravenös konsumiert haben, in europäischen Gefängnissen zwischen 7% und 38% liegt. In Deutschland wird die Zahl der Inhaftierten mit Erfahrungen mit illegalen Drogen einschließlich Cannabis auf mindestens 50% geschätzt. Dabei muss, bei sicherlich großen Schwankungen zwischen einzelnen Vollzugsanstalten, damit gerechnet werden, dass jeder vierte Inhaftierte einen problematischen Drogenkonsum aufweist, d.h. entweder intravenösen oder regelmäßigen Konsum von Heroin oder Kokain. In der Literatur findet sich, dass ca. 75% intravenösen Konsum in der Haftanstalt fortsetzen und dass ca. 25% der intravenös konsumierenden Gefangenen hier erstmals injiziert haben.

Der Alltag der Konsumenten
Heroin konsumierende Gefangene bestimmen heute den Gefängnisalltag. Aus diesem Grund sollten alle etablierten Behandlungsmöglichkeiten auch in den JVAen vorgehalten werden. Das Dogma der Abstinenztherapie als alleiniger oder Therapie der ersten Wahl ist längst nicht mehr vertretbar. Das Abwenden von diesem Abstinenz-Dogma im Sinne eines Paradigmenwechsels begann mit Einführung der Methadonsubstitution über unterschiedliche Dauer in den JVAen.

Behandlungsmethoden
Zu den anerkannten Behandlungsoptionen zählen neben qualifizierter Entgiftung und abstinenzorientierten Verfahren Blockertherapie und substituierende Verfahren Über akzeptierende und Schaden minimierende Angebote sollte der Vollzug nachdenken.

Entwöhnungsbehandlung
Gerade im Gefängnis ist eine fachgerecht durchgeführte Entgiftung wichtig. Aus Großbritannien liegt ein Urteil vor, das einem ehemaligen Häftling eine finanzielle Entschädigung für erlittene Entzugssymptome bei einem kalten Entzug im Gefängnis zugesteht.

Kontrollierte Abstinenz
Bei Urinkontrollprogrammen verpflichten sich die Inhaftierten zu einem drogenfreien Leben im Gefängnis. Sie stimmen zu, dass häufig durch Screenings im Urin überprüft wird, ob Abstinenz besteht. Das Wissen, dauernd kontrolliert zu werden, ist für bestimmte Inhaftierte eine gute Hilfe, auf Drogen zu verzichten.

Blockertherapien
Die Idee, Opiatwirkung durch ein Medikament zu blockieren, führte zur Entwicklung von Opiatblockern. Das Wissen des Opiatabhängigen, dass nach Einnahme von Blockern konsumiertes Heroin nicht mehr wirkt, ist für viele eine Hilfe zur Abstinenz.

Substitution
Behandlungen mit Ersatzstoffen (vor allem Methadon, auch Subutex und Suboxone) sind für den Vollzug besonders geeignet, weil sowohl im Umgang mit solchen Patienten erfahrenes Fachpersonal wie Tagesstrukturierung bereits vorhanden sind.

Was gibt es in den JVAen?
Konkret werden heute in hiesigen JVAen die meisten, die „drauf“ sind und einfahren, mit Substitutionsmedikamenten ausgeschlichen und sollen dann abstinent leben, weniger werden bei kürzerer Haftdauer durchgehend substituiert. Blockertherapien sind selten, vereinzelt kommt es durch Fehleinschätzungen noch zu kaltem Entzug. Akzeptierende Angebote gibt es in keiner JVA.

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