Erschienen in Ulmer Echo 1/2009

Endlich: Heroin vom Arzt statt vom Dealer

Bundestag und Bundesrat stimmen Dia,orphinvergabe für Schwerabhängige zu

Von Wolfgang Sieffert OP

Foto: APDer 28. Mai 2009 ist ein historischer Tag. Nach jahrelangem verbissenen Streit stimmte der Bundestag einem Gesetz zu, das unter strengen Auflagen ermöglicht, synthetisch hergestelltes Heroin (Diamorphin) als Medikament zu verabreichen. Nachdem der Bundesrat am 10.7.09 zustimmte, werden Patienten frühestens zum 1. Januar 2010 von der Neuregelung profitieren.

Skandalöses Ringen
Was sich hier anhört, wie ein relativ normaler Vorgang, hatte ein höchst ideologisch geprägtes jahrelanges Vorspiel. Skandalös war die jahrelange Abwehr einer politischen Mehrheit, die nicht einmal einen Modellversuch mit Originalstoff für Schwerstabhängige zulassen wollten. Von 2004 bis 2007 fanden in sieben Städten Modellprojekte statt, in denen mehrere Hundert Probanden in zwei Gruppen behandelt wurden: die eine bekam den Originalstoff Diamorphin, die Vergleichsgruppe wurde mit Methadon substituiert. Die in wissenschaftlicher Begleitung erhobenen Ergebnisse zeigten eindeutig, dass es Menschen gibt, für die die Heroinvergabe lebensrettend ist oder jedenfalls ein deutlich verbessertes Leben ermöglicht.

Hanebüchene Bedenken
Obwohl auch die CDU- bzw. CSUregierten Städte Frankfurt, Hamburg, München und sogar der hessische Ministerpräsident Koch vehement die Fortführung der Originalstoffvergabe verlangten, geschah von 2007 bis 2009 nichts. Die betroffenen Städte führten die Behandlung mit den Projektbeteiligten weiter, rechtlich in einer Grauzone und auf eigene Kosten. Verhindert wurde ein Gesetz zur Behandlung mit Diamorphin gegen das Votum des Bundesrates aus dem Bundestag von einer Gruppe Abgeordneter um den CDU-Fraktionsvorsitzenden Kauder. Was da an Bedenken und Argumenten genannt wurde, war hanebüchen und in der Konsequenz menschenverachtend.

Was sagt das neue Gesetz?
Medizinisch reines Heroin wird in die Regelversorgung der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen und damit verschreibungsfähig. Die Grenzen für die legale Versorgung mit Diamorphin sind allerdings sehr eng gesetzt. Es darf nur von ärztlichen Kräften auf Betäubungsmittelrezept verschrieben werden, die eine suchtmedizinische Qualifikation besitzen. Es wird nicht in normalen Arztpraxen und Apotheken zur Verfügung stehen, sondern direkt an Einrichtungen geliefert, die ein behördlich abgesegnetes Sicherheitskonzept vorlegen. Behandelt werden dürfen nur „Schwerstabhängige“, die die folgenden Kriterien alle erfüllen müssen: - Mindestalter 23 Jahre - seit mehr als 5 Jahren Opiatkonsum - mindestens 2 erfolglose Therapien - nicht therapierbar mit herkömmlichen Methoden wie Methadon-Substitution. Auch wenn dadurch viele Geeignete außen vor bleiben: das Gesetz wird Menschen helfen, deren Verelendung bisher gesundheitlich wie sozial durch die Kriminalisierung ihres Suchtmittels bisher festgeschrieben war. Jetzt kommt es darauf an, dass Länder und Krankenkassen die notwendigen praktischen Regelungen treffen, um 2010 wenigstens in den Ballungsräumen das Angebot zu installieren.

Spritzbesteck in Konsumraum 1.449 „Drogentote“ in 2008
Für die Betroffenen geht es dabei um Leben und Tod. Im Jahr 2008 ist die Zahl der offiziell gezählten Drogentoten in Deutschland auf fast 1.500 gestiegen. Nicht gezählt sind in der offiziellen Statistik all diejenigen, die sich durch unhygienische Spritzen mit HIV oder Hepatitis infizierten und daran starben. Kein Menschenleben darf für Ideologien geopfert werden. Ethisch betrachtet ist ein Verhalten, das Hilfen für Menschen in Todesgefahr verhindert, als kriminell zu bezeichnen (unterlassene Hilfeleistung); vom medizinischen Standpunkt aus steht es im krassen Widerspruch zur ärztlichen Verpflichtung, Gesundheit zu fördern und Leben zu erhalten, wenn aufgrund eines abstrakten Abstinenzparadigmas so viele Menschenleben geopfert werden.

Welche Hilfen sind möglich?
Wenn es um Hilfen für Menschen geht, die illegale Drogen konsumieren, hat Zaudern und Hinhalten bei politisch Verantwortlichen in unserem Land seit Jahrzehnte Methode – über Parteigrenzen hinweg. Dabei setzte sich bereits in den 1980er Jahren unter Fachleuten die Ansicht durchg, dass für die Behandlung von Opiatabhängigen ein Strauß von Maßnahmen sinnvoll ist; allesamt sind sie keine Allheilmittel, aber alle können beitragen, Leben zu retten. Dazu gehört kostenloser Spritzentausch, der die Übertragung von HIV und Hepatitis verhindert. Ebenso unerlässlich sind Drogenkonsumräume („Fixerstuben“), die dem Tod durch ungewollte Überdosierung des auf dem Markt nie reinen und im Gehalt häufig schwankenden Stoffes vorbeugen und darüber hinaus durch Hygiene und saubere Spritzbestecke die häufigen Infektionen mit tödlichen Krankheiten vermeiden, deren Verbreitung aufzuhalten auch ein gesamtgesellschaftliches Gebot ist.

Probleme der Substitution
Auch Substitutionstherapie gehört in das Paket Leben rettender oder verbessernder Maßnahmen. Für viele sind sie geeignet, aus der Illegalität heraus zu finden und einen stabilen Gesundheitszustand zu erreichen. Auch eine deutliche Verbesserung der sozialen Situation ist häufig gegeben. Allerdings beinhaltet Substitution Gefahren, die in der öffentlichen Diskussion leicht übersehen werden. Beikonsumhäufigkeit ist die eine, die körperlichen Probleme beim Absetzen von Methadon sind die andere. Methadon blockiert die Rezeptoren, aber es verschafft nicht den herointypischen Kick. Wohl deswegen ist Beikonsum (Heroin, aber auch Alkohol und andere Suchtmittel) bei Substituierten sehr häufig. Wird er festgestellt, fliegen Probanden spätestens bei Wiederholung aus dem Programm. Sind sie allerdings hoch dosiert, kann das plötzliche Ende der Methadonvergabe sogar letale Folgen wie Herzversagen haben. Spätestens hier wird deutlich, warum es den Baustein Heroin-Originalstoffvergabe braucht; die allfällige Diskriminierung derer, die illegale Drogen konsumieren, gegenüber Alkoholkonsumenten und den meist Wohlhabenden, die Opiate von ihren Ärzten legal verschrieben bekommen, ist nur zusätzliches Argument.

Die Ursachen sind sozial, nicht nur medizinisch
Schlussendlich muss in diesem Kontext das Defizit benannt werden, an dem die ganze Diskussion krankt. Wir haben es bei Abhängigkeiten gleich welcher Art ja nicht mit einem Phänomen zu tun, dessen Ursachen hauptsächlich medizinisch sind. Soziale Problemlagen, familiäre Bedingungen und Entwicklungspsycholgie gehören genauso mit in die Betrachtung, wie die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher und die immer weiter auseinanderklaffende Schere in der Einkommensentwicklung. Die politische Auseinandersetzung gehört dezidiert auch in die gesellschaftspolitische Diskussion, in die Sozial-, Bildungs- und Familienpolitik, nicht nur in Ärztezirkel. Menschlicher Umgang mit den betroffenen Menschen zu entwickeln, setzt ein breiteres Gesichtsfeld voraus.

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