Erschienen in Ulmer Echo 1/2009

Gerichtsgutachter

Entscheidender Gesprächspartner für Straftäter

Aus: Der Lotse 4/2009

Der Gerichtsgutachter Hans-Ludwig Kröber ermittelt, ob Straftäter nach dem Gefängnis weiter gefährlich sein werden. ... Kröber ist einer der gefragtesten Gerichtsgutachter in Deutschland: Er soll ermitteln, wie groß das Risiko ist, dass Täter Verbrechen wiederholen. Er begutachtete die Frau, die ihre kleine Tochter Jessica über Jahre hinweg langsam verhungern ließ. Den Mann, der in Leipzig den neunjährigen Mitja missbrauchte und ermordete. Mörder, Vergewaltiger, Bankräuber, Zuhälter, Dealer: „Interessante Menschen“ nennt Kröber sie, „Menschen, an die ich sonst nie herankommen würde, ohne vor Angst zu sterben.“ ... Und diese Menschen öffnen sich: „Man kennt sich nicht, und doch kommen sie mit den größten Sorgen“, erzählt Kröber. Er nennt das ein Wunder, auch nach bald 30 Jahren in diesem Job. Er ist Professor, er kann das theoretisch erklären: „Die Situation ist zwar artifiziell, aber sozial bekannt“, sagt er, „du gehst zum Arzt und lässt die Hosen runter.“...

Bild: Archiv Vom Gutachten hängt alles ab
Alle wissen, das alles vom Gespräch abhängt. Von Nachteil ist, dass alle wissen, dass von diesen Gesprächen viel abhängt. Mancher versucht, eine psychische Störung zu simulieren und hofft, dadurch das Urteil zu mildern. „Wenn man dann nachhakt, ihn ins Kreuzverhör nimmt, dann streckt der meist schnell die Waffen“, sagt Kröber. Selbst für einen Psychiater sei es schwierig, eine solche Störung vorzutäuschen. ... Was zählt, ist Kröbers Bild von dem Menschen, und nicht das, was der Mensch tatsächlich gesagt hat. Denn er soll begutachten, ob dieser in Sicherheitsverwahrung gehört, wenn der eigentliche Strafvollzug endet. Oder ob davon auszugehen ist, dass er keine weiteren Verbrechen begeht. Eine schwierige Frage. „Denn die meisten Menschen begehen Verbrechen ja nicht am Fließband. Sondern mit langen Pausen. Möglicherweise ausgelöst durch bestimmte Ereignisse in ihrem Leben.“ Ein Beispiel: Der „Sado-Maurer von Kaulsdorf“ ... Darf so einer jemals wieder auf freien Fuß? „Da haben natürlich alle Bedenken“, sagt Kröber, „obwohl es im Einzelfall sein kann, dass der nie wieder etwas tut. Aber es kann genauso gut sein, dass der im Abstand von Jahren wieder einen Plan umsetzt.“ Ja, es war eine spezielle biografische Situation, die zum Auslöser wurde. Aber nein, man kann nicht vorhersagen, ob es nicht doch wieder eine Krise gibt, die ihn destabilisiert und verleitet. „Da behilft man sich beim Abwägen mit der Relation von der Größe der Gefahr“, erläutert der Forensiker. Sprich: „Wenn sehr große Verbrechen möglich sind, wenn einer rückfällig wird, dann muss auch die Sicherheit groß sein.“

Renaissance der SV
Dass der Fokus so stark auf der Sicherungsverwahrung liegt, ist relativ neu. ... Die zentrale Frage an die Gutachter: Wie gefährlich ist einer? Wie groß ist das Risiko der Wiederholung?

SV sogar für Jugendliche
Die Vorgeschichte, die Gründe, warum einer Verbrechen begeht, treten zurück. „Heute atmen die Medien auf, wenn neben der lebenslangen Haft noch die Sicherungsverwahrung angeordnet wird“, sagt Kröber, „als sei damit gewährleistet, dass der Mann nie wieder frei kommt.“ Im Juni 2008 beschloss der Bundestag, die Sicherungsverwahrung auch auf Jugendliche anzuwenden. Anders als bei Erwachsenen wird dies aber nicht im Urteil vorgegeben, sondern erst nachträglich angeordnet und jedes Jahr überprüft. Reicht das? „Nu lasst mal gut sein“, ruft Kröber jenen zu, die noch mehr wollen. Natürlich würde man am liebsten schon vor der ersten Tat die Verbrechen verhindern. Doch muss man beachten: „Je weniger Vorgeschichte bis zu dem Moment stattgefunden hat, wo über die Sicherungsverwahrung entschieden wird, desto unsicherer ist die Entscheidungsgrundlage.“

Stümperhafte Gutachten
Wiederholungstäter gibt es, trotz aller Sorgfalt. Kröber hat sie im Blick, Oft holt er dann die alten Akten wieder vor, prüft die Gutachten, die eigenen und die von Kollegen. „Ja, man kann eines Schlimmeren belehrt werden“, sagt er. Aber: Es gibt sehr wenig Fälle in den vergangenen Jahren, wo auf Grund eines schlechten Gutachtens etwas falsch gelaufen ist. ...

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