Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Chemie im Kopf: Drogeneinflüsse auf Nerven und Hirn

Neurotransmitter sind „Schlüssel“ im Gehirn

Von Alex B. und Wolfgang Sieffert OP

Drogen wirken auf den Körper, die meisten vor allem auf Nerven und Hirn. Es sind einige wenige Stoffe, die für den Informationsfluss zwischen den Nervenzellen sorgen. Auch das Gehirn funktioniert nur mittels dieser „Neurotransmitter“, Botenstoffen, die zum Teil erregende, zum Teil hemmende Funktionen haben. Keine Übergabe eines Nervenimpulses von einer Nervenzelle an eine andere ohne Neurotransmitter. Schüttet eine Nervenzelle auf Grund eines ankommenden Impulses einen dieser Stoffe aus, nimmt die benachbarte Nervenzelle das durch passende Rezeptoren wahr – der Impuls pflanzt sich fort. Wir können uns dieses ungeheuer schnell funktionierende Kommunikationssystem auch so vorstellen: die eine Zelle schickt einen Schlüssel (Neurotransmitter), die nächste hält das passende Schloss (Rezeptor) bereit.

Kaputte Schlüssel und klemmende Schlösser

Für sämtliche körperlichen Funktionen, die bewussten wie die unbewussten (Atmen, Sehen, Herztätigkeit, Denken, ... eben alle) muss die Kommunikation zwischen den Nervenzellen klappen. Bestimmte Substanzen wirken in je eigener Weise auf das Nervensystem. Z.B. verhindern manche Drogen, dass ein bestimmter Botenstoff nicht mehr losgeschickt wird; das wäre dann so, als ob es keinen Schlüssel mehr gibt. Andere besetzen die Rezeptoren; das ist so ähnlich, als ob ein Schlüssel nicht mehr schließen kann, weil einer mit Sekundenkleber das Schloss verstopft hat.

Alkohol: Schlüssel passt nicht mehr

Alkohol hemmt die Bildung von Noradrenalin, wodurch es weniger von diesem anregenden Schlüssel gibt. Außerdem betäubt Alkohol bestimmte Rezeptoren: die ankommenden Schlüssel finden dann schlechter und weniger ins Schloss. Alkoholtrinkende kennen diese zunächst als entspannend wahrgenommene hemmende und betäubende Wirkung, die bei höherer Dosierung unheilvoll wird und bei langfristigem Missbrauch katastrophale Auswirkungen auf den Körper hat. Dann verändert Alkohol z.B. auch die Opiat-Rezeptoren, wer regelmäßig viel Alkohol trinkt und dann Heroin konsumiert, wird schneller von „H“ abhängig.

Amphetamin und Ecstasy: zahlreiche Schlüssel unterwegs

Amphetaminkonsum führt zur Ausschüttung von anregenden Schlüsseln (Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin); da es gleichzeitig auch deren Wiederaufnahme hemmt, sind diese Schlüssel dann massenhaft unterwegs, fast wie bei einer Überschwemmung. Bei Ecstasy ist es ähnlich, nur dass nach dem Schmeißen einer „Pille“ zudem noch Serotonin in großen Mengen auf den Weg gebracht wird.

Haschisch: THC verändert Schlüssel und Schließsystem

Der Wirkmechanismus der Wirkstoffe im Cannabis ist in seiner Gesamtheit wenig verstanden. THC sorgt für eine erhöhte Reizübertragung. Es ist selbst ein Schlüssel im Nervensystem, der dazu führt, dass Bilder und Erinnerungen freigesetzt und auch gelöscht werden, weil es an den Cannabinoidrezeptoren andockt. In dem Teil unseres Gehirns, in dem das Kurzzeitgedächtnis angesiedelt ist (Hippokampus), finden sich sehr viele dieser Rezeptoren, entsprechend hat THC bedeutenden Einfluss auf das Kurzzeitgedächtnis.

Heroin: Schlüssel werden gestoppt und ersetzt

Heroin hat mehrere Wirkungen. Zum einen hemmt es die Bildung eines Schlüssels (Noradrenalin), der anregend wirkt. Gleichzeitig wirkt dadurch ein anderer anregender Schlüssel (Dopamin) stärker. Vereinfacht ausgedrückt, sinken Aufmerksamkeit und Alarmbereitschaft (weniger Noradrenalin), während Wohlbefinden und Freude (Wirkungen des Dopamins) gesteigert werden. Außerdem ist Heroin selbst ein Schlüssel, der auf die Schlösser passt, die für das Signal „Glück“ (Opiatrezeptoren) zuständig sind, weil es die körpereigenen Endorphine (im Volksmund „Glückshormone“) ersetzt.

Kokain: Schlüssel werden nicht mehr gefertigt

Kokain sorgt dafür, dass bestimmte, den Organismus anregende Schlüssel länger im Spiel bleiben. So kommt es zu einem vermehrten Signalaufkommen und die unbewusste Körpersteuerung (vegetatives Nervensystem, genauer: der Sympathikus, der z.B. die Muskelspannung erzeugt) gerät in einen erhöhten Spannungszustand. Koks bewirkt dies, indem Wiederaufnahme und Transport von Dopamin, Noradrenalin und Serotonin gehemmt werden.

Nikotin: mehr Schlüssel und mehr Schlösser

In kleinen Konzentrationen hat Nikotin einen stimulierenden Effekt. Im Blutkreislauf angekommen, fördert es die Ausschüttung anregender Schlüssel (Adrenalin, Dopamin und Serotonin) und sorgt dafür, dass sich an den entsprechenden Nervenzellen auch die Anzahl der dazu passenden Schlösser erhöht (vermehrte Bildung von Rezeptoren).

Die wichtigsten Neurotransmitter und ihre Funktionen

• Dopamin

Dopamin spielt bei allen Wirkzusammenhängen von Rauschmitteln eine wichtige Rolle. Während beim Essen oder beim Geschlechtsverkehr im Vorderhirn eine Dopaminzunahme um ca. 50% festgestellt wurde, löst Kokain (als ein Beispiel) eine Steigerung von 500% aus. Kaum anzunehmen, dass Menschen derartig massive Eingriffe in ihr Gefühlsempfinden über längere Zeit kontrollieren können. Dopamin ist an der Regulierung der Organdurchblutung beteiligt und hat wichtigen Einfluss auf unsere Emotionen. Es ist ein bedeutender Faktor im körpereigenen Belohnsystem, sorgt aber auch (mit) für Antrieb, Wohlbefinden, Gelassenheit, Lebensfreude und Befreiung von Angst. Zu den normalen Funktionen des Dopamins gehört die Lust auf Essen, Trinken, Sex und Sport. Neben grundlegenden Lebenserhaltungsmaßnahmen sorgt Dopamin auch dafür, schön empfundene Situationen möglichst zu wiederholen und negative Erlebnisse in Zukunft zu meiden. Ein Abfall der Dopaminkonzentration geht einher mit Kraftlosigkeit, Desinteresse und Müdigkeit. Jedoch ist Dopamin kein „Glücksstoff“ an sich. Es dient lediglich als Antriebsmotor und ist verantwortlich für die Vorfreude.

• Serotonin

Serotonin ist u.a. bedeutsam als Neurotransmitter im Zentralnervensystem für die Steuerung der Verdauung und des Herz-Kreislauf-Systems. Dieser Botenstoff wird mit der Nahrung aufgenommen und u.a. im Gehirn und in Blutplättchen gespeichert. In kleineren Blutgefäßen trägt es zur Förderung der Blutgerinnung und Wundheilung bei. Die höchste Serotoninkonzentration findet sich im Gehirn, wo es Stimmung, Schmerzwahrnehmung, Körpertemperatur, Nahrungsaufnahme und den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst. Serotonin stellt Wohlbefinden her, unterdrückt Schmerzen und hat die Aufgabe, Stress im Körper zu reduzieren und das Stresssystem notfalls abzuschalten. Der Mensch hat etwa 10 mg Serotonin im Körper verteilt; diese Menge braucht er, damit es ihm gut geht. Wenn der Serotoninspiegel sinkt, kippt die Stimmungslage; dann sind Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Ängste oder Depressionen die Folge.

• Noradrenalin und Adrenalin

Die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin versetzt den Organismus in Alarmbereitschaft und ist Teil des sogenannten Angriff-Flucht-Furcht-Urinstinkts. Alle Körperfunktionen, die zum Kämpfen oder Flüchten notwendig sind, wie Atmung, Blutdruck und Puls, werden aktiviert. Im Gehirn führt Noradrenalinfreisetzung zu erhöhter Aufmerksamkeit und einem gesteigerten Selbstwertgefühl im Sinne von: „Alles ist okay und ich werde es schaffen!” Schmerz-, Hunger- und Durstgefühle werden durch diesen Botenstoff in kritischen Stress-Situationen gegen Null reguliert. Noradrenalin ermöglicht schnelle geistige Reaktion, fördert Konzentration und wirkt sich mindernd auf das Stressempfinden aus. Sind Adrenalin und Noradrenalin nicht in ausreichender Menge vorhanden, wird der Körper von Stresshormonen regelrecht überflutet; Unwohlsein, Angst und Aufregung sind die Folge.

• Endorphine

Endorphine, abgeleitet von griechisch endogenes (deutsch: innen geboren) und Morphin, also im menschlichen Körper hergestellte Morphine, lassen in extremen Belastungssituationen Schmerzen und Angst kaum spürbar sein, während sie gleichzeitig die Wahrnehmung schärfen. Als natürliches Antistressmittel stärken Endorphine außerdem die Abwehrkräfte und sorgen in Grenzsituationen für eine Gelassenheit, die sich zu rauschhafter Heiterkeit steigern kann.

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