Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Kultur pur

Rauschmittel und Alltagsdrogen gibt es so lange wie die menschliche Kultur

Von Alex B. und Wolfgang Sieffert OP

Seit mehr als 6.000 Jahren

In allen Völkern, in allen Kulturen, zu allen Zeiten: Menschen nutzen aus medizinischen, religiösen oder gesellschaftlichen Gründen Rauschmittel. Schon vor 6000 Jahren war die euphorisierende Wirkung der Mohnblume bekannt, der berauschende Effekt von Alkohol in vergorenen Früchten sogar weitaus länger. In Mesopotamien wurde gezielt Alkohol hergestellt und die Ägypter erforschten systematisch die Effekte anderer Rauschmittel. In der Antike wurde der Wein ein wesentlicher Bestandteil römischer und griechischer Kultur. Der gezielte Einsatz von bewusstseinsverändernden Substanzen kann in Europa seit 3.500 Jahren in den Mysterien von Eleusis nachgewiesen werden. Immer wieder wurde obrigkeitlich gegen bestimmte Rauschmittel vorgegangen. Mal war Kaffee das böse Gift, ein anderes Mal der Alkohol oder der Tabak. In den letzten Jahrzehnten wurden bestimmte Rauschmittel weltweit durch Gesetze verboten; sie werden daher oft „illegale“ Drogen genannt. Andere Drogen sind im Alltag verbreitet (Nikotin, Kaffee, Tee, in Europa auch Alkohol) oder können als Heilmittel durch Mediziner verschrieben werden. Nicht zu übersehen ist, dass sich legale ebenso wie illegale Rauschmittel in unterschiedlichen Ländern und Gesellschaftsschichten unterschiedlich stark etablierten.

Die Definition der WHO

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO – World Health Organisation) definiert als „Droge“ jeden Wirkstoff, der in einem lebenden Organismus Funktionen zu verändern vermag. Unsere Sonderausgabe befasst sich vorwiegend mit Drogen, die zur Herbeiführung von Rauschzuständen, Bewusstseinserweiterung oder auch auf Grund von Abhängigkeit aufgenommen werden. Diese werden auch als Rauschmittel bezeichnet. Eine populistische Bezeichnung für derzeit illegale Drogen ist Rausch„gift.“ Alle Rauschmittel sind gleichzeitig psychoaktive Stoffe, jedoch sind die wenigsten psychoaktiven Stoffe Rauschmittel. Eine Veränderung der Wahrnehmung kann das Ziel der Einnahme sein oder eine unerwünschte Nebenwirkung. Zwischen Rausch- und Genussmitteln gibt es einen fließenden Übergang. Die weltweit am weitesten verbreiteten Drogen sind Alkohol, Nikotin, Cannabis und Betel. Sie alle können sowohl körperlich als auch psychisch abhängig machen.

Missbrauch und Abhängigkeit

Im offiziellen Sprachgebrauch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) existierte der Begriff „Sucht“ nur von 1957 bis 1963. Danach wurde er durch die zutreffenderen Begriffe „Missbrauch“ und „Abhängigkeit“ ersetzt. Lange Zeit schwieg die Gesellschaft, wenn es um das Thema Alkohol, Nikotin und Medikamente ging. Der Staat vereinnahmt Unsummen durch Steuern auf den Verkauf dieser legalen Drogen, deren mögliche schädliche Wirkungen unstrittig sind. Dennoch werden auch illegale Drogen kriminalisiert, die offenbar längst gesellschaftsfähig sind: Kokainrückstände wurden nicht nur im Bundestag gefunden.

Drogenland Deutschland

Alkohol, Nikotin oder Medikamentenmissbrauch werden gesellschaftlich verharmlost, die illegalen Rauschmittel dagegen dämonisiert. In der BRD ist (2006) Nikotin die Killerdroge Nr. 1, allein das Passivrauchen tötet mehr Menschen als alle illegalen Drogen. 140.000 Menschen sterben jährlich an den direkten Folgen des Rauchens, 3.300 weitere am Passivrauchen, so dass Tabakkonsum derzeit das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko in Deutschland ist. Alkohol kostete 42.000 Bundesbürger das Leben, durch den Konsum illegaler Rauschmittel starben 1.296 Menschen. Letzteres ist der niedrigste Stand seit 1990. Deutsche konsumieren im statistischen Mittel jährlich immer noch zehn Liter reinen Alkohol. 2,5 Millionen Deutsche sind alkoholabhängig, ein Drittel davon sind Frauen. Mehr als zehn Millionen Menschen in unserem Land konsumieren Alkohol „in gesundheitlich riskanter Form”, das sind bei Männern dauerhaft mehr als zwei Gläser Bier täglich, bei Frauen mehr als ein Glas. Beim Alkoholkonsum Jugendlicher gibt es keine einheitliche Entwicklung: während der Anteil der 12- bis 17-Jährigen, die regelmäßig Alkohol trinken sinkt, tun es einige immer exzessiver z.B. bei sogenannten „Flatrate-Partys”. Nach einer Analyse der Kaufmännischen Krankenkasse wurden 2006 40% mehr Jugendliche mit Alkoholvergiftungen in Kliniken behandelt als 2001.

Widersinnige Prohibition
Kein Verbot und kein Gesetz wird je bewirken, dass Menschen ohne Rauschmittel leben. Die Prohibition von Alkohol in den USA der zwanziger Jahre hat unübersehbar klar gemacht, dass Drogen nicht mit Verboten beizukommen ist. Nie wurde so viel Alkohol heimlich getrunken wie zu jener Zeit in Nordamerika, dem in den 1970ern trocken gelegten Indien und der ehemaligen Sowjetunion der 1990er Jahren.

Deutlich weniger sichtbar ist der Missbrauch von Medikamenten, der ebenfalls Millionen Menschen betrifft. Ca. 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind von Arzneimitteln abhängig, davon sind zwei Drittel Frauen. Medikamentenabhängigkeit spielt juristisch in einer Grauzone: einerseits handelt es sich um Stoffe, die ohne ärztliche Verschreibung verboten sind, andererseits bekommen die Abhängigen ihre Suchtmittel fast immer auf Rezept. Klar illegal ist dagegen der meist von ca. 200.000 jungen Männern praktizierte Gebrauch von Dopingmitteln. Die Bundesärztekammer geht davon aus, dass in unserem Land jede sechste Person mindestens einmal pro Woche versucht, ihr Befinden durch Medikamente zu verbessern, vor allem durch Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel. Etwa fünf Prozent aller verordneten Arzneimittel besitzt ein Abhängigkeitspotenzial. Der schleichende Prozess in eine Abhängigkeit wird von der Außenwelt kaum bemerkt. Etwa 80 Prozent der Erkrankten sind von rezeptpflichtigen Beruhigungsmitteln (z.B. Benzodiazepine) abhängig, die gegen unspezifische Symptome wie Niedergeschlagenheit, Unausgeglichenheit, Lustlosigkeit sowie Angst- und Stresssymptomen verschrieben werden. Der Gesundheitsforscher Gerd Glaeske geht davon aus, dass pro Jahr bis zu 25.000 Todesfälle sowie rund 300.000 Klinikeinweisungen auf schwere Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten zurückzuführen sind.

Rausch und die Lust am Leben

Menschen nehmen Rauschmittel, um einen positiven Nutzen daraus zu ziehen. Es ist Lebenslust, die dazu führt, Rauschmittel zu benutzen. Unterdrückt ein Mensch diese Lust, kann dies negative Folgen haben. Andererseits gibt es die Gefahr, in Abhängigkeit zu geraten. Daher muss die Beschäftigung mit unserem Thema notwendiger Weise in größeren Kontexten stattfinden: persönliche Zufriedenheit und psychologische Faktoren (z.B. Beruf, Beziehung, Gesundheit), kulturelle Gewohnheiten und soziale Möglichkeiten und Tabus (Wo gibt es lustvolle Dimensionen? Lust- und Triebunterdrückung), gesellschaftliche und juristische Strukturen bilden ein Netz von Bedingungen, ohne die eine realistische Betrachtung des Phänomens „Drogengebrauch“ absolut illusorisch ist. Nichtsdestotrotz geschieht genau das überall: hier wird rein juristisch betrachtet, dort rein medizinisch, in einer dritten Ecke rein individuell. All das greift zu kurz und damit ins Leere, selbst dann noch, wenn sich Medizin und Recht – wie inzwischen recht häufig – die Hand geben. Eine Zusammenschau, die mindestens Geschichte, Kultur, Politik und unsere sozialen Zustände mit ein bezieht, ist sicher noch weit über das in dieser Sonderausgabe mögliche Maß hinaus notwendig.

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