Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Herr, lass die Drogen blühen

Mexiko: Pilgerfahrt zu einem Ganovengrab in der Rauschgift-Metropole Culiacán

Millionen werden hier umgesetzt, Tausende umgebracht – in einem Landstrich, in dem Polizeichefs zu Paten werden zeigt man alles, nur keine Angst

Von Peter Burghardt *

Culiacán, im Juli. Der Heiland der Drogenbarone empfängt zu jeder Stunde, aber Fremde besuchen ihn besser bei Tageslicht Das ist beeindruckend genug. An einem schwülen Sommertag um kurz vor zwölf füllt eine interessante Gemeinde die Kapelle von Culiacán im wilden Nordwesten Mexikos. Die Sonne steht senkrecht, der Wind ist wie ein heißer Föhn Die Männer trugen breitkrempige Sombreros, Cowboystiefel aus dem Leder von Schlangen oder Straußen, schwere Goldketten Manche haben trotz der Hitze Jacketts an oder Westen, darunter verbergen sich gewöhnlich automatische Waffen Maschinenpistolen vom Typ AK-47 werden in dieser Szene Cuenos de Chivo genannt. Ziegenhörner. Draußen parken Geländewagen mit dunklen Scheiben. Es spielt ein Orchester. Die Versammlung huldigt Jesús Malverde, ihrem Helfer und Beschützer.
Malverde war laut Legende ein Dieb aus dem 19. Jahrhundert, so edel wie Robin Hood. Bilder, Figuren und Schlüsselanhänger an den Souvenirständen zeigen ihn mit schwarzem Scheitel und feinem Schnurrbart. Gemäß der Überlieferung bestahl der soziale Delinquent die Reichen für die Armen, bis ihn ein Kopfgeldjäger anschoss. Verblutend schleppte er sich an diese Stelle, wo ihn der Gouverneur aufhängen ließ. „Geboren 1870, gestorben am 3. Mai 1909“ steht am Kreuz, sein Todestag wird im Bundesstaat Sinaloa gefeiert wie Ostern. Erst war hier nur ein Grab, dann machte ihn die Mafia zu ihrem Heiligen inzwischen wuchs das Ehrenmal zum überdachten Wallfahrtsort, gegenüber vom McDonald’s. „Danke Gott und Malverde für die Gefälligkeit”, steht auf Fotos und Plaketten, dazu Namen der berüchtigsten Rauschgiftdynastien Mexikos Familie Carrillo. Familie Félix. Familie Beltrán. Familie Gallardo. Familie Guzmán.

Guter Stoff fürs Liedgut

Die meisten ihrer Anführer werden mit internationalen Haftbefehlen gesucht, oder sie sitzen im Gefängnis, oder wurden ermordet. Das klassische Ende in diesen Kreisen. Aber ihre Sippen häuften Vermögen an Eine eiserne Tafel hat die Form eines LKW, darauf ist zu lesen: “Gott segne meinen Lastwagen - Danke, Malverde, mir diesen Wunsch gewährt zu haben.” Offenbar gelangte eine Ladung Kokain oder Marihuana ungestört in die USA. Vor dem Schrein des Beschützers Malverde singt jetzt eine Combo mit Gitarren. Akkordeon und Trompeten schaurigschöne Lieder, für 6000 Pesos die Stunde. 400 Euro, tragen die Musikanten Eigenkompositionen für ihre Auftraggeber vor oder Stücke von Idolen wie den Tigres del Norle „Die Reifen des Autos waren voller Stoff”, heißt es in dem Klassiker Contrabando y Traicón, Schmuggel und Verrat.

Faszination

„Mich fasziniert das”, sagt Elmer Mendoza leise und nippt am Espresso. Den Schriftsteller Mendoza, 59 Jahre alt, trifft man in einem unauffälligen Cafe im Wohngebiet von Culiacán, im Dunstkreis von Malverde können Fragen ungemütlich werden. Mendoza selbst geht gerne bei Mondschein zum Schrein und hat auch mal erlebt, wie vor der Kultstätte ein Hubschrauber landete. Ein Gläubiger samt Leibgarde stieg aus, machte dem Schutzherrn seine Aufwartung und flog wieder ab. Elmer Mendoza sieht die kleineren und größeren Ganoven mit ihren Versace-Hemden auch nachts in den schummrigen Bars, wie sie teuren Whiskey und Tequila bestellen, flaschenweise. Man zeigt alles, nur keine Angst .Witzig und bedrohlich”, findet Mendoza das. „Die wissen, dass sie die Macht haben.” So weit kann es kommen, wenn das organisierte Verbrechen zum System wird. Dann ist der Schrecken auch Folklore, Kultur, Religion. Der Autor liebt seine Heimat, trotz der Exekutionen und Schießereien. Sie ist die Bühne für seine Kriminalromane.

200 Millionen in der Woche

Rauschmittel und ihre Folgen prägen die Region seit 100 Jahren In den USA waren Opium. Heroin und Marihuana bald verboten, so wurden immer mehr Mohn und Cannabis gesät. Im Zweiten Weltkrieg wuchs der Bedarf für die amerikanischen Soldaten, das Geschäft blühte, später wurde der Handel erweitert durch Kokain aus Kolumbien. Inzwischen dominieren mexikanische Verteiler den Kokain-Markt, ungebildete Söhne aus dem Gebirge wurden zu Großexporteuren. Viele von ihnen hat das sagenhaft reich gemacht. Und viele von ihnen wurden grausam getötet. In den vergangenen zehn Jahren wurden allein in Sinaloa mit seinen 2.5 Millionen Einwohnern mehr als 7.000 Morde registriert. Das Kartell von Sinaloa und seine Verbündeten sind eine der mächtigsten Banden der Erde. „Der Drogenhandel ist Teil unserer Umgebung, unserer Landschaft, unserer Erinnerung”, sagt Elmer Mendoza, es klingt frustriert und bewundernd zugleich. „Die größten Capos Mexikos sind hier geboren.” Was für Geschichten. Der Clan der Carrillo Fuentes stammt aus der Umgebung, einst waren sie Bauern. Amado Carrillo Fuentes schuf das Kartell von Juárez und trug in den Neunzigern den Künstlernamen „El Senor de los Cielos“ – der Herr der Lüfte. Er transportierte seine Ware in einer eigenen Flotte von Boeing 727 und galt als Nachfolger des Kolumbianischen Pablo Escobar. Carrillo Fuentes soll viermal so viel Kokain über die US-Grenze geschafft haben wie jeder andere. Gemäß der amerikanischen Antidrogenbehörde DEA verdiente er in seiner besten Zeit 200 Millionen Dollar - in der Woche. Zehn Prozent investierte er in die Bestechung von Politikern, Richtem, Polizisten. Zu seinem Schmuck gehörte ein goldener mit Brillanten besetzter Anhänger in Form einer Kalaschnikow.

Auf dem Parkplatz durchsiebt

Seine letzte Stunde schlug angeblich am 4. Juli 1997 auf einem Operationstisch in Mexiko-Stadt, als er sich das Antlitz verfremden lassen wollte. Seine vermeintliche Leiche ruht in seinem Geburtsort Guamachilito nahe Culiacán in einem Marmorpalast. Aber viele Mexikaner glauben, der sagenumwobene Amado sei noch unter den Lebenden, mit neuer Identität und neuem Gesicht. Offiziell übernahm das Kommando erst sein Bruder Rudolfo, vormals Polizeichef und ebenfalls Jünger Malverdes. Er wurde am 11. September 2004 auf einem Parkplatz in Culiacán durchsiebt, von 500 Kugeln. Es folgte Bruder Vicente „Bewaffnet und gefährlich, reist gelegentlich nach El Paso, Texas”, steht auf dem US-Steckbrief. Belohnung fünf Millionen Dollar. Die gleiche Summe ist auf Joaquín Guzmán ausgesetzt, genannt „El Chapo” Auch er kommt aus dieser Gegend. Guzmán floh am 19. Januar 2001 aus dem Hochsicherheitsgefängnis Puente Grande von Jalisco. Es wird berichtet, er habe dabei sieben Panzertüren überwunden. Man erzählt sich, kurz danach seien in Culiacán CDs mit Liedern zu seiner Flucht verkauft worden. Drei Monate später war der weltweit gesuchte Drogenboss Trauzeuge bei einer Hochzeit. Wenn er in einem Restaurant Essen ging, sammelten seine Leibwächter die Handys der übrigen Gäste ein. „Wir sind Zuschauer, wir legen uns nicht mit ihnen an”, sagt Mendoza. „Die verzeihen nichts.“

Teller voller Kokain

Zuletzt war wieder Krieg zwischen den Kartellen von Sinaloa, Tijuana, Juárez und dem Golf von Mexiko. Die einen beschäftigen Jugendliche aus den Slums als Söldner, die anderen eine vormalige Eliteeinheit der Armee. Mexikos Präsident Felipe Calderón schickte 9.000 Soldaten. Sie patrouillieren auch in Culiacán und den zerklüfteten Hinterland. Das Ergebnis waren noch mehr Tote, darunter Unbeteiligte. Vor kurzem wurde eine Familie mit drei kleinen Kindern an einer Straßensperre erschossen. Zeitungen melden die Opferzahlen wie Börsenkurse. 2007 waren es bisher landesweit 1.500. Kein wichtiger Pate wurde m Culiacán verhaftet. Einzig die Preise sollen wegen der Militärpresenz steigen und auf dem Schwarzmarkt in der Calle Juárez sollen die Dollarbündel knapp werden. Besucher kommen sich in dieser Stadt vor wie im Film. Am schicken Flughafen wartet eine Staffel von Cessnas, es gibt diverse Flugschulen, die Branche braucht Nachwuchs. Vor der Tür fahren die tollsten Autos vorbei. Besonders beliebt sind die für amerikanische Bodentruppen entwickelten Modelle vom Typ Hummer, auch in der langgezogenen Version nach Art von Hollywood. Bei Kindergeburtstagen holen manchmal solch rollende Festungen die Kleinen ab, für die Großen gibt es bei Partys Teller voller Kokain. Heißt es „Diese Leute wissen, dass sie früh sterben werden”, sagt Elmer Mendoza. „also leben sie schneller.“

Die Wirtschaft hängt am Koks

Die wenigen Touristen, die es hierher verschlägt, staunen über Villen mit gigantischen Mauern, über Kameras und gemeißelte Löwen Das Volk nennt den Stil „Narco-Architektur”. Monumente des schlechten Geschmacks. In Wohnanlagen, Luxushotels, Spielsalons, Diskotheken und Einkaufszentren werden Hunderte Millionen Dollar gewaschen, angeblich sogar in Tankstellen und Molkereien. An der Universität von Culiacán belegen Tausende Studenten das Fach Rechnungswesen. Dabei gibt es dafür viel zu wenig legale Jobs, auch wenn der Gemüseexport boomt. Aber das ist für die Bilanz nachrangig „Unsere Wirtschaft ist abhängig vom Rauschgift”, sagt Mendoza „Nicht nur in dieser Stadt“ In einem fensterlosen Raum ballt ein bärtiger Mann mit Stirnglatze und kräftigen Händen die Faust, die Klimaanlage surrt. „Wir sind ein Labor für die größte Bedrohung des Landes“, sagt Manuel Clouthier, Direktor der Zeitung Noreste und nebenberuflich Landwirt „Die Drogenmafia ist ein Monster mit tausend Köpfen” Täglich berichtet sein Blatt von Kopfschüssen und Leichen. Clouthier hat keinen Zweifel daran, dass die Regionalregierung von Sinaloa mit den Kartellen kooperiert, immer wieder stehen mexikanische Politiker unter Verdacht „Das sind Komplizen, das ist Narco-Politik.” Einmal fragte einer seiner Redakteure den Gouverneur aus der von Skandalen erschütterten Revolutionspartei PRI ob wirklich 60 Prozent der Wirtschaft von Sinaloa mit Drogen zu tun hätten. Der Gouverneur lachte und antwortete: „Es ist mehr.“

* Aus: SZ 31.07.2007

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