Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Missbrauch und Abhängigkeit

Wörter und Definitionen helfen, bleiben aber oft unscharf

Von Alex B. und Wolfgang Sieffert OP

Die Begriffe Missbrauch, Abhängigkeit und Sucht werden in der Umgangssprache vielfach so benutzt, als hätten sie alle die gleiche Bedeutung. Für die Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen ist es gut, die Begriffe klarer zu fassen. Auf den häufig benutzten Ausdruck „Sucht“ wird in der Fachliteratur schon seit Jahrzehnten (die Weltgesundheitsorganisation WHO verwendet den Begriff „Sucht“ seit 1963 nicht mehr!) meist verzichtet, statt dessen wird entweder von „Missbrauch“ oder von „Abhängigkeit“ gesprochen.

Missbrauch

Der Begriff (Drogen-)Missbrauch bezeichnet übermäßigen und schädigenden Konsum von Rauschmitteln, die bei dauerhaftem, ggf. auch erst übermäßigem Gebrauch zuerst zur Gewöhnung, dann zu psychischer und schließlich meist zu körperlicher Abhängigkeit führen. Von Missbrauch wird dann gesprochen, wenn eine Person sich durch den Gebrauch von Rauschmitteln schädigt, aber (noch) keine Abhängigkeit vorliegt.

Abhängigkeit

Der Begriff Abhängigkeit steht in Medizin und klinischer Psychologie für ein unabweisbares Verlangen nach bestimmten Stoffen (z.B. Rauschmitteln) oder bestimmten Verhaltensformen (z.B. Arbeits-, Ess- oder Kaufsucht), durch die ein kurzfristig befriedigender Zustand erreicht wird.

„Dosis sola venenum facit” (deutsch: „Allein die Menge macht das Gift”) sagte der Begründer der modernen Medizin, Paracelsus. Was für die einen Missbrauch ist, kann für andere noch ungefährlich sein.


Diesem Verlangen wird (so das Verständnis der WHO) der Verstand untergeordnet, so dass eine Abhängigkeit die freie Entfaltung, sozialen Bindungen und Chancen eines Individuums beeinträchtigt oder zerstört. Abhängigkeit wird von der WHO als Krankheit eingestuft, nicht als Willen- oder Charakterschwäche. Die WHO definiert Abhängigkeit als „einen seelischen, eventuell auch körperlichen Zustand, der dadurch charakterisiert ist, dass ein dringendes Verlangen oder unbezwingbares Bedürfnis besteht, sich die entsprechende Substanz fortgesetzt und periodisch zuzuführen.“

Von Genuss bis Abhängigkeit

Natürlich gibt es keine Kriterien, die Zustände glasklar unterscheidbar machen. Zudem können erhebliche Schädigungen auch passieren, ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt: ein einmaliger Vollrausch muss kein Zeichen von Abhängigkeit sein, kann aber durchaus zum Tod führen. Das Beispiel Alkohol macht auch deutlich, dass bei häufigem Konsum dieses Nervengiftes bereits ohne erkennbare negative Folgen im eigenen Leben das Stadium des Missbrauchs erreicht sein kann, in dem die Persönlichkeit erheblich verändert wird. Insofern macht es zwar Sinn, z.B. über die Vorstellung von Stufen „Genuss – Gewöhnung – Missbrauch – Abhängigkeit“ Problematiken erkennbarer zu machen; die Abgrenzungen dieser Stufen untereinander bleibt aber unscharf.

Toleranz

Ein wichtiger Indikator ist die Gewöhnung an einen Wirkstoff, die als Toleranzentwicklung bezeichnet wird. Weil bei Rauschmitteln die Wirkung durch wiederholte Einnahme abnimmt, führt das oft zur Einnahme einer erhöhten Menge, um den selben Zustand zu erreichen. Schon bei der Entwicklung einer Toleranz ist von Missbrauch zu sprechen. Noch gravierender ist das Eintreten des Teufelskreises im Konsum: „Mehr Stoff für die gleiche Wirkung.“

Weitere Indikatoren

Zur Sensibilisierung in der Beobachtung eigenen und fremden Verhaltens können auch noch andere Indikatoren hilfreich sein, die Hinweise auf Missbrauch und ggf. Abhängigkeit geben. Die im Folgenden genannten Kriterien beziehen wir zwar auf Alkohol, sie gelten aber gleichermaßen für alle anderen Rauschmittel und sogar auch im Blick auf Verhaltensabhängigkeiten wie Spiel-, Ess- oder Kaufabhängigkeit. Zu nennen sind Kontrollverlust („Ich weiß nicht mehr, was ich dann tu.“), Wiederholungszwang („Jetzt brauch ich ´n Bier!“), Abstinenzunfähigkeit (trinken, obwohl morgen eine Prüfung ansteht), Wenn-sich-das-ganze-Leben-um-den-Stoff-dreht, Dosis- und Frequenzsteigerung („Letztes Jahr hab´ ich noch weniger getrunken“), Interessensverlust („Früher hatte ich gern Sex/Sport/Kino“), schädliche soziale Folgen („Der Franz will nix mehr mit mir zu tun haben“), schädliche Folgen im Berufsleben („Ich schaff`s einfach nicht mehr pünktlich zur Arbeit.“), psychische Schädigung (Unkonzentriertheit, Gedächtnisschwäche, Nervosität), körperliche Schädigungen (Schädigungen des Nervensystems, Leberzirrhose, Raucherbein).

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