Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Tödliche Dröhnung

Das Geschäft mit den synthetischen Drogen blüht. Manche neue Kreation ist lebensgefährlich

Von Axel Spilcker *

Die Routinemitteilung machte die Zollfahnder misstrauisch. Sieben Liter des meldepflichtigen Reinigungsmittels Gamma-Butyrolacton (GBL) wollte ein Händler an eine Firma für Lacke und Farben abgeben. Die Beamten untersagten die Lieferung. Seit geraumer Zeit kursierte die Chemikalie in der Homosexuelenszene als neuer Drogen-Hit. Nach Polizeierkenntnissen hatte die Empfängerfirma das Sex-Elixier bereits in der Vergangenheit an Rauschgiftkonsumenten veräußert.

Killer-Cocktail.

Schon ein Fingerhut GBL kann bei Einsteigern tödlich wirken. Vor einem halben Jahr starben zwei Menschen, nachdem sie den euphorisierenden Trank zu sich genommen hatten. Der Besitz des flüssigen Gifts ist völlig legal. GBL gilt in der pharmazeutischen Industrie als gängige Lösung gegen Klebstoffe. Im Körper wandelt es sich durch eine chemische Reaktion zu dem berüchtigten Drogenhammer Liquid Ecstasy um. Als die K.O.-Tropfen 2002 verboten wurden, stieg die Szene auf GBL um. Formal ist die Abgabe nur an Reinigungsfirmen erlaubt. Über das Internet können Interessenten das berauschende Aphrodisiakum aber mühelos erwerben - 250 Milliliter zu 40 Euro. „Eine Überdosis”, so der Kölner Polizeisprecher Wolfgang Baldes, „kann zu Atemstillstand führen.”
„Chemische Dröhnungen”, weiß Wolf gang Schmilz vom Zollkriminalamt (ZKA), „sind gefährlicher denn je.” Vor allem in den Niederlanden, Tschechien und Polen panschen Kriminelle ihre synthetischen Muntermacher mit risikoreichen Ingredienzen.
Neuerdings geistert eine üble Partypille namens Rolex durch die Clubs. Der Psychedelic-Mix enthält den Stoff m-CPP. Eine Substanz, die Atemnot und Krampfanfälle auslösen kann. Vergangenes Jahr warnte das Bundeskriminalamt nach etlichen Funden vor dem berauschenden Newcomer der Spaßgesellschaft. Just im März 2007 setzte das Bundesgesundheitsministerium den „Glücksstoff” auf die Betäubungsmittelliste.

Synthetikdrogen weiterhin im Kommen

Im Jahr 2006 ermittelte der Zoll 1.1 Tonnen Amphetamine, gut dreimal so viel wie im Vorjahr. Auf 72 Kilogramm verdoppelte sich die nachgewiesene Menge des Party-Pushers Crystal. Deutschland firmiert laut ZKA als Supermarkt für die Grundstoffe. So hatten der Pleitier Jürgen W. und sein Kumpel Hans-Willi G. über eine Putzfirma tonnenweise Aceton, Schwefelsäure, Isopropanol sowie Methylamin bei hiesigen Herstellern geordert. Die Ware lieferten sie an Drogenlabors in den Niederlanden und Belgien. Ende 2005 zerschlug eine deutsch-holländische Ermittlungskommission die Ecstasy-Connection.
Die Zutaten für die Produktion von Crystal kaufte eine deutsch-tschechische Bande en gros in der Bundesrepublik ein. Ohne viel zu fragen, veräußerten 30 deutsche Apotheker 100 Kilogramm der Grundsubstanz Ephedrin an die Gruppierung. Ein Deal mit fatalen Folgen: schnupfend oder rauchend starten Crystal-Konsumenten oft eine Reise in den Horror. „Anfangs war es total geil”, erinnert sich ein 24-jähriger Münchner. Der Absturz folgte prompt: „Selbstmordgedanken kamen, Epilepsie, Depressionen, Paranoia, Schizophrenie.” Den Alltag übersteht der Ex-Konsument heute nur noch dank starker Antidepressiva.

* aus: Focus 14/2007

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