Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Die Zuckerclique

Von Alex B. und Wolfgang Sieffert OP

Zucker zählt wie Nikotin, Alkohol, Kaffee, THC, Kokain oder Heroin zu den Drogen. Wird Süßes gegessen, steigt der Blutzuckerspiegel und verursacht einen starken Anstieg von Insulin im Blut. Insulin sorgt nicht nur für den Abbau des Zuckers, sondern auch dafür, dass eine Vorstufe des Serotonins aus dem Blut ins Gehirn gelangen kann. Ohne Zucker wäre unser Körper nicht in der Lage, Serotonin zu produzieren. Die Folgen einer Zuckerabstinenz wären Antriebs- und Schlaflosigkeit, Ängste und Depression; sie würden letztendlich zum Tod führen. Der Mensch ist daher von Geburt an „zuckersüchtig“, abhängig von diesem Nahrungsmittel. Zugleich ist Zucker eine gefährliche Droge, an deren Folgen jährlich Millionen von Menschen sterben. Die Nebenwirkungen sind schwerwiegender als bei einigen illegalen Drogen. Alle Drogen haben die Eigenschaft, dem Konsumenten jederzeit ein Gefühl der Bereicherung zu geben, während sie sich daran machen, ihn physisch und psychisch nach unten zu ziehen. Dadurch erreichen sie, dass der Konsument sie nach dem ersten Versuch weiterhin einnimmt. Beim Zucker ist der Mensch schon von Natur aus darauf programmiert, ihn zu sich zu nehmen. Die „Abhängigkeit“ erreicht somit beim Zucker eine sonst von Drogen unbekannte Intensität.

Guter Zucker – schlechter Zucker

Alle wichtigen Nahrungsmittel enthalten „guten Zucker“ (Obst und Gemüse) oder Stärke (Brot, Kartoffeln, Getreide und Hülsenfrüchte), eine Vorstufe von Zucker. Entscheidend ist die Konzentration: in den meisten nahrungsmitteln befindet sich neben Zucker eine Menge anderer, wichtiger und sattmachender Nährstoffe. Industriell hergestellter Zucker (konzentriert in Süßwaren und vielen Getränken) dagegen macht nicht satt, aber trotzdem glücklich. Das Schönste dabei: die Wirkung setzt unmittelbar nach dem Verzehr ein. Durch den Konsum von konzentriertem Zucker steigt der Blutzuckerspiegel, dadurch die Konzentration des Insulins (Insulin reguliert den Blutzuckerspiegel) in kurzer Zeit sehr stark an. Die erhöhte Insulinkonzentration bewirkt anschließend ein starkes Absinken des Blutzuckerspiegels. Kurz gesagt: konzentrierter Zucker macht hungrig. Zucker kehrt seine positive Eigenschaft ins exakte Gegenteil um: statt Hunger zu stillen, macht er hungrig und auch das kurzzeitige Glücksgefühl wird schnell durch ein Tief ersetzt. Die Folge: Konsumenten greifen zu einer neuen Ration Zucker. Das Gehirn verbindet den Stoff „Zucker“ mit dem angenehmen Gefühl „satt und glücklich“. Wie bei anderen Drogen erzeugt bereits der Anblick des Stoffes eine Ausschüttung des „Lustbotenstoffs“ Dopamin. Ein Schokoriegel oder eine Dose hochdosierte Zuckerlösung (Cola) wirkt auf den „Zuckerer“ wie der Anblick einer „Linie“ auf den Kokser.
Nebenwirkung:
Psychisch: Depressionen, Antriebsschwäche
Physisch: Karies, Schädigung der Magenschleimhäute, Senkung des Blut-PH-Wertes, Sodbrennen, Magenreizung, Magengeschwüre, ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten, Hypoglykämie (Unterversorgung von Muskeln, Organen und dem Gehirn durch niedrigen Blutzuckerspiegel), Arteriosklerose, Übergewicht, Herz- Kreislauferkrankungen und Diabetes

Die schädliche Wirkung des Industriezucker

Alle Kohlehydrate (Zwei- und Mehrfachzucker wie Stärke) bestehen chemisch aus kombinierten Einfachzuckermolekülen. Um Kohlehydrate verwertbar zu machen, werden sie im Dünndarm mit Hilfe von Enzymen, Vitaminen und Mineralstoffen aufgespalten. Natürliche Nahrungsmittel führen die zur Zersetzung nötigen Stoffe mit sich. Der isolierte Industriezucker hingegen kommt allein im Darm an. Der Körper verwendet daher Stoffe aus seinen Reserven, um die Disaccharide (Zweifachzucker) des Industriezuckers in die brauchbare Glukose umzuwandeln. Purer Zucker entzieht dem Körper lebenswichtige Vitalstoffe: neben dem für den Körper sehr wichtigen Vitamin B1 Kalzium, Phosphor, Magnesium und Chrom. Ist die sonstige Ernährung ebenfalls arm an Vitalstoffen, wird Zuckerkonsum ein wichtiger Grund für ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten. Dem Konsum von konzentriertem Zucker aus dem Weg zu gehen, ist nur schwer möglich. Fast alle industriell produzierten Lebensmittel enthalten heutzutage Zucker: z.B. auch Ketchup, Kartoffelchips und Schinken. Mit Zucker werden jährlich Milliardensummen umgesetzt. Wo so viel Geld im Spiel ist, wird natürlich alles dafür getan, dass es bleibt, wie es ist. Die Folge sind zahlreiche Ammenmärchen über Zucker und zuckerhaltige Lebensmittel: „Schokolade macht glücklich!“ Die Folgen: s.o.

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