Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Kosten und Nutzen der Drogenkriminalisierung

Die Drogenmafia wird nicht gehindert, am Elend der Abhängigen zu verdienen

Von Hermann S., Alex B. Wolfgang Sieffert OP

Fataler Irrglaube

Das folgende Zitat beinhaltet eine grundlegend falsche Annahme, die hierzulande höchst erfolgreich als widerspruchsfrei dargestellt wird: „Der Handel mit illegalen Drogen muss bekämpft werden, damit eine skrupellose Mafia nicht immer mehr Geld und Einfluss gewinnt und damit Menschen vor dem Konsum gefährlicher Stoffe geschützt werden.“ Das ist jedenfalls ein weit verbreiteter Glaube; ebenso, dass deswegen Stoffe im Betäubungsmittelgesetz als illegal einzustufen sind und deren Besitz zu kriminalisieren ist. Klar und folgerichtig ist in diesem Glaubenssystem auch, dass für diesen „sittlichen Kampf“ ganz erhebliche Mittel zur Verfügung gestellt werden: für Zoll, Polizeikräfte, Staatsanwälte, Richter, Gefängnisse, medizinische und psychologische Studien, wissenschaftliche Kongresse ... Ganze Heerscharen von Wissenschaftlern, Publizisten, Polizisten usw. leben (gut) von der Kriminalisierung bestimmter Rauschmittel.

Es läuft objektiv gesehen etwas falsch, wenn der Konsum einer Droge gegen das Gesetz verstößt und der Konsum einer anderen – nicht weniger schädlichen – Droge beworben, begrüßt und eindrücklich erwünscht ist.

Milchmädchen rechnet nicht

Dabei beruht das ganze System auf einem fundamentalen Irrtum. Die Mittel der Bekämpfung – Illegalisierung und Kriminalisierung – helfen keineswegs. Im Gegenteil wird ein Schuh daraus: erst durch Illegalisierung und Kriminalisierung werden die Drogenmafia und ihre Gewinne ermöglicht. Das allergrößte Interesse an der Strafverfolgung der illegalen Drogen hat noch vor den oben genannten Gruppen die Clique, die am Handel im internationalen und großen Stil verdient. Würde die Kriminalisierung aufgehoben (wie bei Alkohol) oder die Verteilung der Rauschgifte in die Hände der Ärzte gelegt (wie bei Medikamenten; unserer Meinung nach müsste der Weg in diese Richtung gehen), hätte unsere Gesellschaft eine Menge selbst geschaffener Probleme weniger, vor allem aber würden die Großdealer mit leeren Händen dastehen.
Die folgenden, grob kalkulierten „Rechnungen“ sollen zeigen, um was es geht und damit auch den fatalen Grundirrtum anschaulich machen. Das „Milchmädchen“ in seiner sprichwörtlichen Blauäugigkeit wird all dem nicht folgen: weil es arglos ist, wird es auch weiter getäuscht. Milchmädchen rechnet nicht, Milchmädchen möchte sich auch nicht mit den Voraussetzungen drogenpolitischer Annahmen auseinandersetzen. Milchmädchen möchte glauben, dass alles so richtig ist, wie es ist. Alle Nicht-Milchmädchen aber laden wir ein, die nächsten Zeilen zu lesen und zu fragen: Warum darf das alles so sein?

Wie viele Betroffene? Wie viel Heroin?

Laut einer Studie des Dresdener Professors Wittchen liegt die Zahl der Heroinabhängigen in Deutschland zwischen 168.000 und 282.000. Er liegt damit deutlich über der regierungsoffiziellen Zahl: dort wird von 150.000 gesprochen, von denen 50.000 mit Ersatzstoffen substituiert werden. Für jeden nachvollziehbar ist die nun folgende Rechnung mit mittleren Schätzwerten. - Wir gehen, ausgesprochen vorsichtig, von nur 100.000 Heroinabhängigen in Deutschland aus. - JedeR KonsumentIn benötigt eine Tagesdosis von 3 Gramm Straßenheroin (Wirkstoffgehalt 10%). - Täglicher Gesamtbedarf: 300.000 Gramm (300 kg). - Bedarf für ein Jahr: 109.500 kg (109 Tonnen) Straßenheroin. - Heroin in internationaler Handelsqualität hat einen Reinheitsgrad von mindestens 80%. - Daher jährlicher Importbedarf: ca. 13.000 kg (13 Tonnen). Wenn wir einen Kilopreis von nur 20.000,- € ansetzen (Großhändlerpreis vor dem Strecken), wird jährlich Heroin für 260.000.000 € (260 Millionen €) importiert. Diese Geldmenge wird dem Binnenwirtschaftskreislauf Deutschlands dauerhaft entzogen.

Täglich 9 Millionen

Junkies beziehen ihren Stoff im Kleinhandel, wobei sie für ein Gramm (Wirkstoffgehalt 10%) ca. 30,- Euro aufwänden müssen. Der Tageskonsum liegt meist zwischen 2 und 8 Gramm Straßenheroin. Setzen wir durchschnittlich nur 3g pro Tag an, ergibt sich ein täglicher Bedarf von 9.000.000,- €. Der Einzelhandel mit Heroin kommt also auf einen Jahresumsatz von ganz sicher mehr als 3 Milliarden Euro. (Wir wollen nicht ausschließen, dass es in Wirklichkeit vielleicht auch 5 oder 10 Mrd € sind, aber wir bleiben, wie schon geschrieben, gaaanz vorsichtig). Ein wirklich erstaunliches Potential – in kriminellen und sicher oft skrupellosen Händen.

Volkswirtschaftlicher Schaden

Woher kommt diese riesige Summe Geld? Allen ist klar, dass Heroinabhängige sämtliche zur Verfügung stehenden Quellen nutzen: eigene Einkünfte aus Arbeit, Arbeitslosengeld oder Renten, aber u.U. auch Freunde und Eltern beklauen, Prostitution usw. Die legal zu beschaffenden Summen reichen in den allermeisten Fällen nicht aus. Ein großer Anteil des Drogengeldes stammt aus polizeilich erfassten kriminellen Aktivitäten wie Einbruch, Autodiebstahl usw. Ein Junkie, der ein Auto aufbricht und den Radiorekorder unsachgemäß „ausbaut”, verursacht mit Leichtigkeit einen Schaden, der 500,- € weit übersteigt. Für diese Beute zahlt ein Hehler mit Glück 100,- €, meist aber nur 20 bis 50,- €. Wenn wir also (wir sind wieder sehr vorsichtig) annehmen, dass nur ein Viertel des täglichen Finanzbedarfs der Drogenabhängigen aus Ladendiebstählen, Einbrüchen und ähnlichen kriminellen Aktivitäten stammt, ist davon auszugehen, dass Beschaffungskriminalität jeden Tag Schäden von Zig Millionen Euro verursacht und pro Jahr viele Milliarden. Darüber freuen sich vielleicht Versicherungsunternehmen; insgesamt bleibt eine Riesenbelastung für die Volkswirtschaft. Die Folgekosten im Bereich Polizei, Justiz und Strafvollzug sind hier nicht einmal mitgerechnet; ebenso wenig die Summen, die der Handel mit anderen illegalen Drogen verursacht.

Drogenpolitische Sünden

In Geld nicht zu berechnen sind die psychosozialen Konsequenzen der Beschaffungskriminalität. Gerade Straßenkriminalität wie Handtaschenraub und Wohnungseinbrüche verursachen nicht nur bei älteren Opfern erhebliche seelische Beschädigungen und Einbußen der Lebensqualität. Doch scheint das politisch kaum jemand zu kümmern; jedenfalls werden diese Folgen nicht zum Anlass genommen, drogenpolitische Prämissen zu überdenken. Die entstehenden Ängste sind Wasser auf die Mühlen jener Politiker, die mit allen Mitteln alles und jedeN kontrollieren wollen. Alle anderen können über die entstehende Kriminalitätsfurcht in der Bevölkerung genauso wenig erfreut sein wie über die Verelendung der Abhängigen, die entstehenden wirtschaftlichen Schäden und die Gewinne in den Händen der Drogenmafia (wen oder was kontrollieren und beeinflussen die eigentlich mit ihren Milliardengewinnen: nur bestimmte Wirtschaftszweige oder längst auch die Politik, die in beharrlicher Verbohrtheit ihre Gewinne ermöglicht?). Die nun wirklich nicht mehr lässlichen Sünden der Politik liegen klar auf der Hand; dass z.B. nicht viel getan wird, um durch ärztliche Vergabemöglichkeiten so viele Menschen wie möglich aus dem Teufelskreis von Kriminalität, Strafverfolgung und Verelendung heraus zu holen, spült weiter Geld und Einfluss in dunkle Kanäle. Kein Mensch möchte dass Heroin an jedem Kiosk frei zu erwerben ist, aber die Kriminalisierung macht nur für die Drogenmafia Sinn.

Der Drogenkonsum soll mit Hilfe der Kriminalisierung unsichtbar gemacht werden. Der Junkie ist der Sündenbock. Daher beeindruckt es die Verfechter der Kriminalisierung auch nicht, wenn sie beobachten, dass im Strafvollzug in den am besten überwachten Einrichtungen der modernen Gesellschaft der Drogenhandel blüht; denn was im Knast geschieht, bleibt unsichtbar. Kriminalisierung verbirgt der Wahrnehmung, dass es sich weniger um ein sachliches, sondern vor allem um ein menschliches Problem handelt. Deshalb wird die Strafverfolgung trotz rechtlicher Unlogik ( Süchtige schädigen primär sich selbst; Strafrecht soll Rechtsgüter Dritter schützen ) mit gewundenem Denken, aber auch mit heftigsten Affekten und Unterstellungen verteidigt.

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