Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Sein „Tatort” ist der Knast

Der Arzt Joe Bausch, als Gerichtsmediziner im TV-Krimi zu sehen, über Drogenpolitik und Justizvollzug im echten Leben.

Von Holger Dumke

WERL. Frieren, Zittern, die laufende Nase, dann plötzlich Schweißausbrüche – die Symptome sind dieselben. „Es gibt Leute hier, die haben das ganze Jahr Grippe, jedenfalls schaut das so aus”, sagt Joe Bausch-Höfterhoff. Der erfahrene Gefängnisarzt, der im Kölner Tatort den Gerichtsmediziner Joseph Roth spielt, hat da eine ganz andere Diagnose: kalter Entzug. Andere jedoch sitzen mit scheelem Blick in Bauschs Sprechstunde, ballerbreit - wenn sie denn überhaupt noch sitzen können. „Ich schätze, 200 von den 860 Leuten hier sind dauerhaft Drogenkonsumenten”, meint der 54-jährige Mediziner und schiebt hinterher: „Auch hier im Knast.“ Besuch bei Joe Bausch. Ein schlichtes Arztzimmer mit Krankenliege und Computer, medizinische Tafeln an der Wand. Selbst hier sind die Fenster vergittert. Die JVA Werl, wo der Regierungsmedizinaldirektor seit 1987 als Arzt arbeitet, ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Mörder, Vergewaltiger, Erpresser, bewaffnete Räuber: Wer in die größte Haftanstalt zwischen Rhein und Weser kommt, der bleibt länger, wenn nicht gar für immer.

„Es wirkt auf mich schon eigenartig, wenn für Haschischhandel jahrelanger Knast verhängt wird und auf der Richterbank sitzen gleich zwei offensichtlich von Alkoholmissbrauch gezeichnete Männer. Wie wäre es mit einem Alkoholscreening für die, die über Freiheitsstrafen entscheiden?” (Ein Anwalt, der nicht gerne namentlich genannt werden möchte.)

Erlass zur Straßenreinigung

Wenn so viele Häftlinge auch hinter Gittern Rauschgift konsumieren, hat die NRW- Justizministerin dann nicht Recht mit ihrer jüngst verkündeten Wende in der Drogenpolitik? Wegfall der Eigenbedarfsgrenze bei harten Drogen, keine Einstellung der Verfahren gegen Jugendliche mehr, schärfere Kontrollen in Gefängnissen, das Herabsetzen der Eigenbedarfsgrenze bei Marihuana und Hasch: Den Erlass von Roswitha Müller-Piepenkotter (CDU) sieht Joe Bausch ziemlich kritisch. Als Kurator der Aidshilfe NRW hat der Suchtmediziner und Schauspielerden Politikwechsel offen kritisiert. „Straßenreinigungsprogramm“ - damit vergleicht er den Erlass. Ganz offenbar gehe es darum, „die Menschen, die ohnehin schon ein Problem haben, schneller in den Knast zu bekommen“.
Nicht dass Bausch Drogen das Wort reden wollte; sie stellen ihn in seinem Alltag als Gefängnisarzt oft genug vor Probleme. Aber mehr Hilfe täte Not, stattdessen aber setze die Politik auf Repressalien, mehr Kontrollen. Genau das ist, was den Mediziner so ärgert: „Als Gefängnis dieser Größe brauchten wir eigentlich fünf, sechs Suchtberater.” Aber in Werl kümmern sich nur zwei Kräfte um die Suchtberatung und haben dabei noch jede Menge anderes um die Ohren. Dass ein Gefängnis als bewachter Raum eigentlich ein Ort ohne Drogen sein sollte -geschenkt. Für Joe Bausch eine Illusion. Ob beim Angehörigenbesuch, per Post, ob bei der Materiallieferung für eine der vielen Werkstätten auf dem Gefängnisgelände oder ein gefüllter, nachts über die Mauer geworfener Tennisball - Wege, wie Rauschgift hinter Gitter gelangt, gibt es viele.

Ganz offenbar gehe es darum, „die Menschen, die ohnehin schon ein Problem haben, schneller in den Knast zu bekommen“

Mancher geht reich heraus

Es wird kontrolliert und auch immer wieder was gefunden, trotzdem sind die Drogen da. Und: Es gibt Häftlinge, die kräftig dran verdienen. „So mancher geht hier reich raus”, ist Bausch-Hölterhoff sicher. Die Ministerin hatte einen Detektorrahmen angekündigt, der bei Gefängnisbesuchern verstecktes Rauschgift erschnüffeln soll. Ob das den Drogen Schmuggel effektiv zu begrenzen vermag - abwarten. Er schlägt was anderes vor, um das sich die Politik kümmern sollte: Sie sollte sich EU-weit einig werden, welche Stoffe als Rauschgift gelten und welche nicht. Beispiel Subutex - ein Opioid, künstlich hergestellt, ein Schmerzmittel. In Deutschland fällt es unter das Betäubungsmittelgesetz, in Frankreich sind die Pillen frei auf Rezept erhältlich. In Deutschland entwickeln sich die Mini-Pillen mehr und mehr zur Einstiegsdroge - auch in deutschen Gefängnissen.

NRZ vom 06.10.2007

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