Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Interview mit Bereichsleiter der AoA

Was sind Ihrer Erfahrung nach in unserer JVA die wichtigsten Probleme in Bezug auf illegale Drogen?
Das größte Problem ist das Vorhandensein und dass bis jetzt noch kein Weg gefunden wurde, das Hineingelangen von illegalen Drogen in die JVA zuverlässig zu unterbinden.

Gibt es auch Probleme mit legalen Drogen?
Vielleicht auf der AoA in geringerem Umfang als im Haus, aber auszuschließen sind sie nicht.

Sie haben Verantwortung für die hiesige AOA (Abstinenzorientierte Abteilung).
a) Wie viele Inhaftierte sind hier?
Zur Zeit haben wir 30 Klienten auf der AOA. Die maximale Belegung beträgt 33.
b) Wie lang bleiben die auf AoA?
Die durchschnittliche Verweildauer bis zur Therapiezuführung liegt zwischen 6 und 8 Monaten.
c) Gibt es nur Mehrbett-Zellen?
Es gibt 10 Hafträume mit je 3 Betten und 3 Einzelhafträume. Die Einzelhafträume sind dem Hausarbeiter und Klienten, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht gemeinschaftlich untergebracht werden können, vorbehalten.
d) Darf geraucht werden?
Der Nichtraucherschutz greift auf der AOA genauso wie im Haus. Es darf nur noch in den Hafträumen und auf dem Freistundenhof geraucht werden.

Welche Inhaftierte können auf die AOA verlegt werden?
Strafgefangene, die eine Straftat in kausalem Zusammenhang mit ihrer Drogenabhängigkeit (Beschaffungskriminalität, Handel u.a.) begangen haben und deren Strafrest nicht höher ist, als 2 Jahre 6 Monate. Bei mehreren Straftaten darf die Dauer von weiteren Strafen 2 Jahren je Strafe nicht überschreiten. Nur diese Strafen können nach §35 BtmG zur Durchführung einer Therapie zurückgestellt werden. Nach abgeschlossener Therapie werden diese Strafen dann höchstens bis zum 2/3-Zeitpunkt angerechnet. Bei U-Gefangenen darf das zu erwartende Strafmaß nicht über 2 Jahre 6 Monate liegen und die richterliche Gruppengenehmigung muss vorliegen.

Gibt es Vergünstigungen auf der AOA, z.B. Besuch, Kochen, Sport, Aufschluss, Umschluss, Freizeit?
Besuch und Sport werden in normalem Umfang angeboten, jedoch ist morgens nach dem Frühstück die Teilnahme am Frühsport für die nichtarbeitenden Klienten Pflicht. Umschluss und Freizeit wie in den anderen Flügeln gibt es bei uns nicht, dafür wird aber zu festgelegten Zeiten ein Aufschluss durchgeführt, bei dem jeder andere Klienten besuchen, oder auf dem Flur die Freizeitangebote (Tischtennis, Billard, etc.) nutzen kann. Weiterhin gibt es die Möglichkeit, nach Absprache mit dem Küchenwart auch die Küche zu benutzen, um sich aus den Sachen, die beim Einkauf gekauft wurden, ein (hoffentlich) schmackhaftes Essen zu bereiten.

Haben Sie die Befürchtung, dass Inhaftierte wegen günstigerer Bedingungen auf die AOA wollen?
Bedingt durch die Tatsache, dass es hier nicht nur Vorteile gibt, sondern im Rahmen von therapievorbereitenden Einzel- und Gruppengesprächen jeder Einzelne auch hart an sich arbeiten muss, halte ich diese Befürchtung eigentlich für unbegründet. Einige Gefangen schreckt es auch ab, in einen Gemeinschaftshaftraum verlegt zu werden, da sie Einzelgänger sind und sich schlecht unterordnen können, oder bereits vorher lange Zeit einen Einzelhaftraum bewohnt haben.

Wie sieht der Tagesablauf aus?
Um 6 Uhr ist wie auf allen Abteilungen Frühstücksausgabe. Danach ist zwingend Frühsport angesagt. Im Laufe des Vormittags oder am Nachmittag (je nach Schicht des Betreuers) werden Einzelgespräche geführt. Wer kein Gespräch hat, kann nach der Freistunde am Aufschluss teilnehmen. Nach dem Mittagessen und dem Arbeiteraufschluss wird wiederum ein Aufschluss durchgeführt. Ebenso kann dann auch die Küche benutzt werden. Nachmittags finden an verschiedenen Tagen auch die therapievorbereitenden Gruppen statt. Zwischen Abendessen und Einschluss können auch die Freizeitmöglichkeiten der AOA genutzt werden.
Selbstverständlich sind die Klienten auch gehalten, Bewerbungsschreiben, Lebensläufe und u.a. zu schreiben, um aktiv an ihrer Vermittlung mitzuarbeiten. Weiterhin finden auch alle fünf Wochen Großgruppen statt, deren Teilnahme für alle Klienten Pflicht ist.

Gibt es Kontrollen auf illegale Suchtmittel?
a) Zellenkontrollen?
Zellenkontrollen finden regelmäßig statt, außerdem auch Sonderkontrollen. Die Ausstattung der Hafträume wird jedoch etwas großzügiger gehandhabt als im Hafthaus.
b) Urinkontrollen?
Urinkontrollen finden in unregelmäßigen Abständen statt oder bei Verdacht auf Konsum.
Was passiert, wenn Inhaftierte erwischt werden?
Es gibt auf der AOA einen Verwarnungskatalog für Verstöße, die unterhalb der „Kardinalregeln” (keine Drogen, keine Gewalt, keine Gewaltandrohung) liegen und einen Maßnahmenkatalog, der bei Verstößen gegen diese Regeln gilt. Bei einer Häufung von Verwarnungen in einem bestimmten Zeitraum oder bei Verstößen gegen die Kardinalregeln werden die Klienten für bestimmte Zeit wieder ins Haus gelegt und die Vermittlungstätigkeit ruht so lange.

Welche Zielrichtung hat Ihre Arbeit? Und was bezeichnen Sie als Erfolg?
Das Ziel meiner Arbeit ist der reibungslose Ablauf auf der AOA und die bestmögliche Vorbereitung der Klienten für die anschließende Therapie. Ein Erfolg ist für mich bereits, wenn ich es schaffe, dass sich ein Klient positive Gedanken über sein vergangenes Dasein macht und erkennt, das ihm hier eine Hilfe angeboten wird. Ein großer Erfolg ist es, wenn ein Klient seine Therapie erfolreich abschließt und nicht wieder rück- und straffällig wird.

Wie schätzen Sie das ein: wie viel Erfolg hat die AOA und wie viel Erfolg die anschließende Therapie?
Hier auf der AOA soll die Vorbereitung auf eine Therapie stattfinden. Aus eigener Erfahrung, bedingt durch die Teilnahme an Aufnahmegesprächen in den Therapieeinrichtungen, kann ich sagen, dass die Klienten diese Vorbereitung als guten Einstieg in die Therapie empfinden. Sie wissen so zum Beispiel schon, was sie in der Therapie erwartet.

Welchen Problemen oder Grenzen begegnen Sie in Ihrer Arbeit?
Das größte Problem ist bei meiner und bei der Arbeit der TeamkollegInnen vom AVD der Umgang mit Distanz und Nähe, d.h. auf der einen Seite wird von uns als Suchtberater verlangt, mit dem Klienten intimste Gespräche zu führen, um den Sozialbericht erstellen zu können, ohne den keine Kostenzusage erwirkt werden kann. Und auf der anderen Seite müssen wir als Vollzugsbedienstete auch Kontrollen durchführen und die Klienten einsperren.

Welche Hilfestellungen für Drogenkonsumenten fehlen Ihrer Meinung nach in unserer JVA?
Es fehlt, wie immer, an geschultem Personal.

Würden Drogenabhängige außerhalb und ohne die vielen Beschränkungen der JVA erfolgreicher lernen können, mit ihrer Sucht umzugehen?
Draußen würden die Drogenabhängigen sich wahrscheinlich weniger mit der Bekämpfung ihrer Sucht beschäftigen als hier. Aus diesem Grund könnte ich mir vorstellen, dass die Weichen in Richtung Therapie eher hier in der JVA gestellt werden können.

„Therapie statt Strafe” nach § 35 Betäubungsmittelgesetz: macht das Sinn?
Sicher ist nicht zu verhindern, dass einige Gefangene versuchen, die Therapie nur durchzuführen, um schneller aus der Haft entlassen zu werden. Diese haben aber nicht wirklich den Wunsch, ein drogenfreies Leben zu führen. Aus diesem Grund kommen sie auch schnell wieder mit dem Gesetz in Konflikt und dann müssen sie die zurückgestellten Strafen sowieso zu Ende verbüßen. Für diejenigen, die die ihnen gebotene Chance wirklich wahrnehmen, sehe ich in diesem Verfahren immer noch einen Sinn. Was schätzen Sie für unsere JVA insgesamt: wie viele Inhaftierte sind Konsumenten harter Drogen – einschließlich derer, die vielleicht momentan nicht an Stoff herankommen? Ich denke, wenn ich von einem Anteil der Drogenabhängigen von 40% ausgehe, liege ich nicht verkehrt.

Gibt es Ihrer Meinung nach Inhaftierte, die in der JVA erstmals harte Drogen konsumiert haben?
In vereinzelten Fällen soll es vorgekommen sein; ich gehe aber davon aus, dass es sich hier um Ausnahmefälle handelt.

Ulmer Echo dankt für Ihre Mitarbeit!

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