Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Das faule Ei der Haftanstalt

Aus Dortmund Miriam Bunjes

Für heute ist der Spaß schon vorbei. Sebastian Schmidt wischt sich den Schweiß von der Stirn. Eine Stunde Kraftsport pro Woche steht ihm zu und eine Stunde Tischtennis. Die restlichen langen Stunden bleibt er allein. Eingeschlossen mit sich und seiner Geschichte, deren Druck er auch in der Justizvollzugsanstalt Dortmund nicht los wird. Ein halbes Jahr ist er hier, zwei Mal schon ist er „total zugedröhnt” die Treppe heruntergefallen. Drogen gibt es hier genug, sie kommen in den Körperöffnungen von Besuchern, kleben unter Briefmarken. Sie nicht zu nehmen, ist sein täglicher Kampf. Zur Zeit gewinnt er ihn, sagt er. Allerdings sitzt neben ihm im winzigen Besucherzimmer mit verschränkten Armen und gerunzelter Stirn die Anstaltsleiterin Reina Blickslager. Sebastian Schmidt hat sich über seinen täglichen Druck beschwert, hat den Anstaltsarzt angezeigt, Beschwerdebriefe an den Petitionsausschuss des Landtags geschickt. Er will Methadon. „Ich würde dann hier auf keinen Fall mehr irgendwas nehmen”, sagt er. „Und vielen anderen würde es hier auch besser gehen.” In der JVA Dortmund sind 50 Prozent der Häftlinge drogenabhängig, landesweit sind es knapp 40 Prozent. Offiziell. Eigentlich sind es viel mehr, sagt auch der Sprecher des Justizministeriums, Ralph Neubauer. „Viele geben ihre Sucht nicht beim Arzt an, weil sie in Ruhe weiter Drogen nehmen wollen.” Schließlich hat es auch Nachteile, als Drogensüchtiger registriert zu sein. „Es ist dann noch schwieriger, hier eine Arbeitsstelle zu finden”, sagt Sebastian Schmidt. „Weil dadurch ja Freiräume entstehen, in denen geschmuggelt oder konsumiert werden kann.” An Drogen kommen die Gefangenen allerdings immer irgendwie, das wissen auch die Offiziellen. An Substitutionsmittel wie zum Beispiel Methadon aber auch, sagt Neubauer. Wenn der Anstaltsarzt sie ihnen verschreibt. In Dortmund gibt es dafür einfache Regeln: Wer zu weniger als drei Monaten verurteilt ist, bekommt sie. Wer länger bleibt, wird innerhalb von zwei Wochen herunterdosiert. „Wir wollen nicht, dass bei uns im Gefängnis Drogen genommen werden”, sagt Reina Blicksnagel. „Wer bleibt, wird entzogen.” Und wer trotzdem Drogen nimmt, bekommt eine Arreststrafe - auf Knastdeutsch „Bunker”, Einzelzelle, Dauerüberwachung, keine Hofgange.
Drogen gibt es trotzdem immer. Nur Spritzen sind Mangelware. „Hier teilen sich zig Leute eine Spritze, Monate lang dieselbe”, sagt Sebastian Schmidt. Er benutzt sie nicht. „Ich bin hier das faule Ei”, sagt er. „Von mir wissen das auch alle, andere halten das geheim.” Sebastian Schmidt ist seit neun Jahren HIV-positiv, außerdem hat er Hepatitis C. Nicht vom Gefängnis, betont er, sondern von einer fatalen Koksparty mit viel ungeschütztem Sex. „Trotzdem: Man ist hier sehr, sehr gefährdet.” Vor allem die chronische Leberentzündung ist „im wahrsten Sinne des Wortes ein Renner in deutschen Gefängnissen”, sagt der Bremer Sozialwissenschaftler Heino Stöver. Zwei der sechs deutschen Gefängnisse, die probeweise Spritzenautomaten aufstellten, hat Stöver wissenschaftlich begleitet. Neuansteckung mit Hepatitis C oder HIV gab es in dieser Zeit keine. Wie viele es vorher gab, hat allerdings nie jemand erfasst. „Sicherlich Tausende”, sagt Stöver und verweist auf die Ergebnisse der HIV-Forschung außerhalb des Knastes. Dort geht die Zahl der HIV-Infektionen von Drogenabhängigen seit Jahren zurück - obwohl beim Aufkommen von Aids in den Achtzigerjähren alle davon ausgingen, dass diese Risikogruppe präventionsresistent ist. „Ist sie nicht”, sagt Stöver. „Gibt es saubere Spritzen, werden sie auch benutzt.” Heute gibt es noch einen einzigen Knast mit einem Spritzenautomaten: das Frauengefängnis Berlin-Lichtenberg. Als in Hamburg und in Niedersachsen die Regierungen 2001 konservativ wurden, bauten sie auf der Stelle die Automaten ab. „In den Gefängnissen hat es nie Probleme gegeben”, sagt Stöver. „Das Thema ist leider hoch ideologisch.” Und auch für die nordrhein-westfälische CDU indiskutabel. „Wir wollen drogenfreie Gefängnisse”, sagt Peter Biesenbach, Rechtspolitiker der NRW-CDU-Fraktion. „Mit Spritzen erreicht man genau das Gegenteil, ja man fördert sogar die Drogensucht.” Ähnlich sieht er auch die Substituierung Drogenabhängiger im Gefängnis. „In Haft zu sein, ist eine Chance, vollständig drogenfrei zu leben, deshalb brauchen süchtige Gefangenen nicht zwangsläufig Ersatzdrogen.” So wird das in den meisten deutschen Haftanstalten gesehen, zeigen die Daten von Heino Stövers neuester Studie. Von den 80.000 in Deutschland einsitzenden Häftlingen - mindestens 20.000 davon drogenabhängig – 500 dauerhaft mit Methadon substituiert. „Dabei ist es schulmedizinisch anerkannt, dass eine Substitutionstherapie Süchtige sozial und körperlich stabilisiert.”
Sebastian Schmidt glaubt nicht mehr, dass sich seine Situation in der JVA Dortmund ändern wird. „Vielleicht kann ich mit meiner Petition für andere noch etwas erreichen”, sagt er. Auch bei seiner Berufungsverhandlung will er seine Probleme noch einmal ansprechen. „Ich steh’ das hier jetzt durch”, sagt er. Zwei Jahre muss er noch. Mindestens und nur wenn die Verhandlung gut läuft. Verurteilt wurde der 40-Jährige wegen vieler „kleinerer Sachen”: Diebstahl, Drogenbesitz, Betrug, Fahren ohne Fahrschein - alles während noch laufender Bewährung. Es ist seine vierte Haftstrafe, danach wird er 12 Jahre seines Lebens in Gefängnissen verbracht haben. Süchtig ist er, seit er 21 ist. „Ein Motorradunfall hat mein Leben verändert”, sagt er. Seitdem hat er eine Metallplatte im Kopf und starke Migräne. „Aus dem Krankenhaus wurde ich als Drogensüchtiger entlassen”, sagt Schmidt. „Das war mir erst gar nicht klar, aber als mein Hausarzt mich von den Schmerzmitteln runterdosierte, kriegte ich starken Suchtdruck.” Ein Druck, den er zwischendurch los wurde, der ihn aber trotz mehrerer Therapien immer wieder einholte. „Jetzt habe ich gestohlen, eingebrochen, bin tätowiert, ohne Freunde und tödlich krank”, sagt Schmidt. „Rechte habe ich aber immer noch und auch die Zeit, sie wahrzunehmen.” Ein Recht auf Substitution oder saubere Spritzen hat er nicht und wird es auch nicht bekommen. „Wir sind offiziell drogenfrei”, sagt Anstaltsleiterin Reina Blickslager. „Spritzen wären sozusagen eine Legalisierung unsererseits, über die wir als Anstalt auch gar nicht selber entscheiden dürfen.” Sie glaubt auch nicht, dass Substitution den illegalen Drogenkonsum im Gefängnis stoppt. „Hier sitzen Leute, die sind so gierig nach Drogen, die würden dankend das Methadon nehmen und noch andere Sachen obendrauf.” Dass ihr Gefängnis drogenfrei ist, behauptet sie nicht. „Hier gibt es Drogen, wir finden ja auch immer wieder welche.” Das ist in allen NRW-Gefängnissen so. „Es gibt Gefängnisse in Grenznähe zu den Niederlanden, da sitzen fast 90 Prozent Drogenabhängige”, sagt Gerd Engler, Drogenberater in Kleve und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Drogenpolitik. „Auch da gibt es nur ganz wenige Spritzen und sehr viele Drogen, da wird den Infektionen Tür und Tor geöffnet.” Dieses Infektionsrisiko kennt auch das Justizministerium in Düsseldorf. Spritzenausgabe sei aber auch aus Sicherheitsgründen undenkbar, sagt Ralph Neubauer. „Die könnten als Waffe benutzt werden, gerade von HlV-Infizierten.” Deshalb sollen die Drogen nach Möglichkeit aus dem Knast, „auch wenn das nie vollständig funktionieren kann”, räumt Neubauer ein. „Dafür gibt es zu viele erfolgreiche Wege.” Erfolgreich und viel diskutiert ist vor allem der Weg über die Justizvollzugsbeamten. „Sobald sie ein privates Wort mit Gefangenen wechseln, begeben sie sich eigentlich in Gefahr”, sagt Neubauer. „Dann beginnt das Spiel: Ich weiß, wo deine Tochter zur Schule geht und ich kenn’ da einen draußen, der sich um sie kümmert. Und aus Angst werden sie zu Schmugglern.” Diese Schmuggler fallen fast nie auf - sie kennen schließlich die Kontrolltermine. Neubauer zu Folge versucht die Landesregierung, den Gefangenen Suchtberatung anzubieten, um sie von sich aus suchtfrei zu machen. „In jedem Gefängnis gibt es ausgebildete Ansprechpartner”, sagt Neubauer. Das Geld für externe Drogenberater wurde allerdings gekürzt, statt 30 gibt es seit vergangenem Jahr nur noch fünf. Sebastian Schmidt versucht seit einigen Wochen, seinen Kontakt mit anderen Gefangenen aufs Minimum zu beschränken. Er will mit seiner Gitarre allein sein und über seine Vergangenheit nachdenken, seine Ex-Freundin und das Leben, an das er sich zum Teil nur in Bruchstücken erinnert. Außerdem, sagt Schmidt, sei es leichter, keine Drogen zu nehmen, wenn man keine anderen Süchtigen sieht.

taz NRW 29.5.2007

zurück zum Inhaltsverzeichnis Drogen 2008