Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Kompetent und ehrlich
Carsten Hombach, Drogenberatung komm-pass, im Interview

Alter und Beruf?
Ich bin 40 Jahre alt und arbeite als Sozialarbeiter und Suchttherapeut.

Wohnort, Familienstand?
Ich wohne in Düsseldorf und bin ledig.

Seit wann in der Ulm?
Seit zwei Jahren. Ich habe im Dezember 2005 hier in der JVA angefangen.

Wie viele Inhaftierte der Ulm haben in ihrem Leben Erfahrungen mit illegalen Drogen gemacht?
Schätzung: um 80 bis 90 Prozent.

Wie viele unserer Inhaftierten konsumieren ein- oder mehrmals während ihrer Haftzeit illegale Drogen?
Ich schätze ca. 70 bis 80 Prozent.

Haben Sie als Externer hier in der JVA ein Büro und einen Schlüssel?
Ich habe einen Durchgangsschlüssel, mit dem es nicht möglich ist, Zellen auf- und abzusperren. Ich nutze das Vernetzungsbüro auf Abteilung 6/39 als Gemeinschaftsbüro, welches zu 70 bis 80% von komm-pass genutzt wird.

Was ist komm-pass?
komm-pass ist eine ausstiegsorientierte Suchtberatungsstelle mit vielfältigem Angebot. komm-pass richtet sich an Konsumenten und Abhängige von illegalen Drogen, Familienangehörige, Partner und Freunde sowie Multiplikatoren.
Unser Standort ist Charlottenstraße 30, nah an der Drogenszene des Hauptbahnhofs und der Bismarkstraße. Träger ist der Sozialdienst katholischer Frauen und Männer (SKFM) in Düsseldorf.

Wie viele Leute hat komm-pass?
Elf im Beratungsbereich und zwei in der Verwaltung.

Kümmern sich noch andere Drogenberatungsstellen um Inhaftierte?
Ja, der DHC kümmert sich um das Jugendhaus der JVA Düsseldorf, und die Caritas macht eine Alkoholgruppe.

Wie oft sind Sie hier im Gefängnis und welche Aufgaben haben Sie?
Ich bin zu 60% meiner 100%-Stelle hier in der JVA und die restlichen 40% bei komm-pass. Montags, mittwochs und freitags bin ich hier in der JVA. Zu meinen Aufgaben hier gehört als Schwerpunkt die Vermittlung der komm-pass Klienten in stationäre Therapie; ebenfalls die Vermittlung von Klienten, die aus unterschiedlichen Gründen nicht auf die AOA (Abstinenzorientierte Abteilung) aufgenommen werden können.
Zu meinen weiteren Aufgaben gehört eine wöchentliche Therapievorbereitungsgruppe in der AOA. Schließlich vermittle ich in Absprache mit dem Sozialdienst Haftentlassene in unsere Beratungsstelle.

Warum kommt jemand nicht auf die AOA?
Zu wenig Deutschkenntnisse bspw., wenn jemand nach Deutschland eingewandert ist und in eine spezielle Therapieeinrichtung vermittelt werden muss.

Die Zielrichtung Ihrer Arbeit?
Menschen eine Möglichkeit zu geben, sich in einem geschützten Rahmen (hiermit ist meine Schweigepflicht gemeint) mit ihrer Sucht auseinander zu setzen, ihnen zu verbesserten Lebensumständen zu verhelfen, und wenn möglich, sie auf den Weg zur Abstinenz zu begleiten.

Wie viele Abhängige schaffen es in die Abstinenz?
Das ist nicht zu sagen, da hierfür Langzeituntersuchungen nötig wären. Viele ziehen zudem um oder nehmen nach ihrer Therapie nicht mehr an unserem Angebot teil. Daher ist Erfolg schwer zu greifen und nicht in Zahlen darstellbar.

Welche Hilfestellungen fehlen in unserer JVA?
Personalmangel von Fachkräften. Es gibt wenig Hilfe- oder Behandlungsangebote für suchtkranke Inhaftierte, die nicht in eine stationäre Therapie wollen oder können. Sucht ist jedoch eine behandlungsbedürftige Erkrankung und jemand wird nur durch Haft ohne geeignete Behandlung nicht geheilt sein.

Welche Suchtmittelerkrankungen sind generell am meisten verbreitet?
Die meisten, die an einer Suchtmittelerkrankung leiden oder sterben, sind Nikotin-, danach Alkohol- und an dritter Stelle Medikamentenabhängige. Danach kommen mit Abstand die illegalen Suchtmittelerkrankungen. Hier in der JVA fallen letztere aber am meisten auf, wegen der Illegalität und der Beschaffungskriminalität.

Was wäre, wenn auch jetzt illegale Stoffe legal zu bekommen wären? Regelungen von Suchtmittelkonsum haben lediglich Auswirkungen auf das Konsummuster, nicht jedoch auf die Anzahl der Suchterkrankungen. Ausbau und Spezifizierung von Behandlungsangeboten sind notwendig und nicht eine zunehmende Kriminalisierung von Drogenabhängigen.

In USA ist Tabak im Knast verboten.
Verbieten allein ist sicher nicht die Lösung. Wird ein Bedürfnis nur unterdrückt, holt der Mensch sich irgendwo anders irgendwann seine Befriedigung. Warum sollte dies in Haft anders sein?

In Holland wird unter Jugendlichen viel weniger Marihuana und Haschisch konsumiert als bei uns.
Ich kenne diese Untersuchungen leider nicht. Informationen zum Konsum einer einzelnen Droge sind auch wenig aussagekräftig, da die meisten Jugendlichen einen Mischkonsum haben. Wie sieht bspw. der Alkohol- oder Ecstasykonsumvergleich in diesen Ländern aus?

Wie sehen Sie grundsätzlich den Gebrauch von Rauschmitteln?
Es gibt ein natürliches Bedürfnis nach „Sucht-Mitteln“. In allen Dingen des Lebens ist ein gewisses Suchtpotenzial enthalten. Z.B. müssen wir essen, um zu existieren; wir können es auch genießen. Aber auch Essen kann sich zu einer Suchtstörung entwickeln.

Wie geht der Knast mit dem Phänomen Sucht um? Das Risiko, dass sich die Problemsicht bezüglich Sucht überwiegend auf illegale Drogen und die Kriminalisierung beschränkt, ist hier wesentlich größer, weil die JVA Instrument der Justiz ist. Es gibt aber auch ein gutes Hilfeangebot bspw. durch die AOA oder durch externe Beratungsstellen.

Wie finden Sie Ihre Arbeit hier?
Ich finde sie sehr sinnvoll, weil sie Kontinuität der externen Beratungsarbeit im System JVA ermöglicht.
Und ein geschützter Rahmen wie in unserer Arbeit ist im Gefängnis etwas sehr Besonderes. Ich bringe ein Stück anderes Denken hier rein, weil ich mit meiner Arbeit zwischen drinnen und draußen pendle. Wenn ich nur im Knast arbeiten würde, hätte ich wahrscheinlich so eine Art Binnendenken.

Wie sieht es mit Methadon-Substitution im Gefängnis aus? Substitution wird nur in Ausnahmefällen vom Anstaltsarzt genehmigt. Die Regel ist, den Süchtigen auf Null runter zu dosieren. Die Sinnhaftigkeit einer Substitution sollte innerhalb der JVA genau so geprüft werden, wie außerhalb. Ich kann nicht nachvollziehen, dass ein ganz normales Behandlungsangebot wie die Substitution in den JVAen meist nicht vorhanden ist.

Wie viele Leute begleiten Sie?
Das schwankt sehr, da die Betreuung sehr unterschiedlich intensiv ist. Es gibt ja nicht nur die Therapievermittlungen und die Gruppe, die ich auf der AOA anbiete.

Wie erreichen Inhaftierte Sie?
Per Antrag, welcher dann vom Sozialdienst geprüft und an mich weitergeleitet wird.

Wer kann sich an Sie wenden?
Alle komm-pass Klienten, die schon draußen in Betreuung waren.

Gibt es Inhaftierte, die hier im Knast erste Erfahrungen mit harten Drogen machen?
Ich glaube, dass es diese Leute gibt, aber vermutlich sind das nur Ausnahmen.

Macht die Originalstoffvergabe von Heroin generell Sinn?
Ja. Meine Antwort bezieht sich aber nicht auf das Gefängnis, sondern gilt generell. Voraussetzung ist jedoch, dass andere Hilfemöglichkeiten (wie bspw. Beratung oder Entgiftung) vorher genutzt wurden und begleitende Hilfeangebote vorhanden sind.

Welche Suchtstoffe haben den höchsten Anteil in ihrer Arbeit? Hier in der JVA betreue ich zu 80 bis 90% Opiatabhängige. Auch in der Beratungsstelle komm-pass überwiegt die Primärdiagnose Opiatabhängigkeit, wobei viele Klienten – wie auch in der JVA – eine polytoxikomane Abhängigkeitserkrankung haben. Die Anfragen bzgl. Cannabis nehmen zudem sehr stark zu.

Möchten Sie uns noch was sagen?
Ein gesunder, freiwilliger Ausgleich zum Suchtmittelkonsum ist wichtig. Dies ist sicher nicht leicht, doch es ist möglich – und es lohnt sich, den Weg anzufangen. Alles beginnt mit dem ersten Schritt.

Ulmer Echo dankt für Ihre Mitarbeit!

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