Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

„Hier gibt es mehr Drogen als draußen“

Interview mit einem ehemaligen Drogenkonsumenten, der 16 Jahre in Haft war

Deine Entzugserfahrungen im Knast? Einmal war ich draußen auf 120 mg Methadon, im Knast bekam ich dann nur 40 mg was die Hölle ist und von Erbrechen, Krämpfen und teilweise epileptischen Anfällen begleitet war. Es war mir kaum möglich zu schlafen. In 10 bis 13 Tagen wird man dann von 40 mg auf 5 mg und weiter auf Null runter dosiert. Zusätzliche Tabletten gibt es nicht wegen gefährlicher Wechselwirkungen. Danach hatte ich noch zwei bis drei Wochen schwere Nachwirkungen. Diese Art von Entzug ist Standard im Knast. Draußen dauert es ca. 18 Monate, um von 100 mg Methadon runter- und auszuschleichen.
Die wirkliche Tortur im Knast ist, wenn sie dich auf Beobachtungszelle legen, wo alle 15 Minuten jemand kommt und das Licht anmacht und sich davon überzeugt, dass du lebst. Das zweite Mal war ich auf 100 mg Polamidon und wurde zum Entzug nach Fröndenberg (Vollzugskrankenhaus) gebracht. Am ersten Tag bekam ich 100 mg, am zweiten 60 mg, am dritten 40 und dann immer weniger bis nach weiteren 10 Tagen die Polamidonvergabe zu Ende war. Danach hatte ich noch sechs Monate deutliche Entzugserscheinungen! Auch war es im Knast immer schwierig, überhaupt das Methadon oder Polamidon zu bekommen. Warst du nur einmal nicht beim Sani, hast du kein Metha mehr bekommen. Sofort geht dann die Suche nach Heroin los.

Wie findest Du die medizinische Versorgung in der Ulmer Höh’? Total katastrophal. Es ist keine richtige Versorgung gegeben, nur das Standardprogramm und das ist alles.

Ist es im Knast besser ohne Drogen? Für mich auf jeden Fall, es bedeutet weniger Stress.

Kommen hier alle an Drogen ran? Ja, es gibt viele Wege wie sie rein kommen. Meiner Erfahrung nach gibt es im Knast mehr Drogen als draußen. Auf jeden Fall respektieren die Leute im Knast mehr, ob ich Drogen will oder nicht; draußen wollen sie viel eher, das einer drauf kommt.

Nehmen Deiner Meinung nach Viele im Knast erstmals harte Drogen? Nein, wenige.

Sind hier aktuell Viele drauf? Ja.

Gibt es inoffiziell ein Art Duldung von Drogen im Knast? Viele Beamte wollen ihre Ruhe und die Konsumenten auch. Daher ist meist von beiden Seiten Waffenstillstand angesagt. Würden alle Konsumenten abgeschossen, gäbe es keine Arbeiter und Hausarbeiter mehr.
Dabei bleibt die Gerechtigkeit auf der Strecke, denn die einen sind als drauf bekannt und dürfen sozusagen drauf sein und die anderen bekommen ein Riesenproblem wegen dem kleinsten Krümel Hasch.
Was wäre ein Knast ohne Drogen? Es würde eine Schlägerei nach der andern geben, da das Freizeitangebot ja so gut wie null ist. Auf jeden Fall würden alle Arten von Problemen deutlich ansteigen.

Gibt es hier Spritzen? Es ist schwierig, immer neue Spritzen zu bekommen, weil die offiziell verboten sind. Doch inoffiziell tauscht der ein oder andere Sani sie schon mal aus. Er hilft damit ja nur, dass sich nicht noch mehr an HIV oder Hepatitis anstecken.

Was möchtest Du noch sagen? Es wäre angebracht, Freizeitangebote zu haben und uns positive Beschäftigungen zu ermöglichen, statt uns 23 Stunden auf der Zelle Frust und Depression schieben zu lassen; denn auch das führt zu Drogenkonsum.

Ulmer Echo dankt für Deine Mitarbeit!

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