Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Zwischen Kontrolle und Hilfsangeboten

Interviews mit Bediensteten der JVA Düsseldorf

Was sind Ihrer Erfahrung nach in unserer JVA die wichtigsten Probleme in Bezug auf illegale Drogen?
An erster Stelle der Drogenkonsum als solcher, dessen unmittelbare Folgen und Spätschäden. Allgemein die Versetzung der Drogen mit „Streckmitteln” und Verunreinigungen aller Art. Dann die sich daraus ergebenden Probleme mit Entzugssymptomatiken und auffälligen Verhaltensweisen, die zum Teil sehr ausgeprägt sind und an psychische Erkrankungen denken lassen.

Gibt es auch Probleme mit legalen Drogen?
Ja, natürlich. Die schädlichen Folgen des Tabakkonsums und Alkoholismus dürften hinreichend bekannt sein. Alkoholentzüge gestalten sich bisweilen schwierig, was auch auf das unkooperative Verhalten der Patienten zurückzuführen ist.

Welche Zielrichtung hat Ihre Arbeit mit Konsumenten illegaler Drogen?
Bei unserer Tätigkeit geht es zunächst darum, den Entzug möglichst human zu gestalten, das heißt adäquat und individuell an das jeweilige Konsumschema angepasst. Es sei hier an „alte Zeiten” erinnert, in denen es nur einen Stimmungsaufheller und ein Muskelrelaxans als Entzugsmedikation gab. Diese Zeiten sind aber seit 1996 passè. Solange gibt es in der JVA Düsseldorf mittlerweile die methadongestützte Entzugsbehandlung. Wir kümmern uns um die körperlichen Folgen des Drogenkonsums, versorgen z.B. multiple Abszesse bis zur Abheilung, um Unterernährung durch unregelmäßige und schlechte Nahrungszufuhr und nicht zuletzt um die Wiederherstellung zum Teil völlig desolater Gebisse. Wir behandeln Infektionskrankheiten und auch das Anhalten der Patienten zu einer vernünftigen Körperhygiene und falls möglich auch zu sportlicher Betätigung gehört zu unseren Aufgaben. Alles in allem kann man von „lebensverlängernden Maßnahmen“ sprechen.

Was geschieht mit Menschen, die mit akuten Suchtproblemen neu inhaftiert werden?
a) mit Opiatsucht?
Opiatabhängige Patienten werden zunächst einem Drogenscreening unterzogen, um die selbst gemachten Angaben zu verifizieren. Anschließend entscheidet der zugezogene Arzt über Art und Menge der Entzugsmedikation sowie die voraussichtliche Vergabedauer. Dies wird am nächsten Arbeitstag vom Anstaltsarzt überprüft und ggf. bestätigt.
b) mit Alkoholsucht?
Siehe oben, nur dass es sich in aller Regel um das Medikament Distraneurin in flüssiger Form handelt. Menge und Dauer richten sich auch hier nach dem körperlichen Zustand, orientiert an den Angaben über Dauer und Menge des Konsums.
c) mit anderen Abhängigkeiten?
Es gibt fast nur noch sogenannte Polytoxikomane. Das heißt, dass die Süchtigen (im Zweifel) alles konsumieren, was zur Befriedigung der Sucht oder zur Verhinderung von etwaigen Entzugserscheinungen dient. Die reinen THC- und Opiatabhängigen gibt es heute so fast nicht mehr. In der Regel wird auch hier, soweit Opiate konsumiert wurden, mit Methadon entzogen. Art und Dauer siehe a).

Opiatabhängige werden hier mit Methadon „ausgeschlichen”.
a) Wie lange bekommen sie den Ersatzstoff?
In der Regel 9 Tage lang.
b) Ist das lange und langsam genug?
Die meisten Entzüge gestalten sich unter dieser Behandlung problemlos.
c) Geht es den Patienten hinterher gut?
Die Nachwirkungen einer zum Teil seit Jahrzehnten bestehenden Sucht lassen sich in dieser kurzen Zeit nicht beheben. Die Patienten haben in den meisten Fällen den körperlichen Entzug in dieser Zeit beendet und können sich wieder um Ihre Belange kümmern.
d) Gibt es Dauersubstitution mit Methadon in unserer JVA?
Ja, allerdings; dazu sind jedoch einige Regeln einzuhalten. Es wird zwischen Arzt und Patienten unter Mitwirkung der SozialarbeiterInnen ein Vertrag geschlossen. Voraussetzung ist eine Haftdauer von nicht mehr als 6 Monaten und eine beikonsumfreie Vorstellung zu Haftbeginn bei bestehender Substitution mit Methadon, Subutex oder Polamidon.
e) Welche Probleme gibt es mit der Substitution und den Substituierten?
Aus subjektiver Sicht eines Abhängigen reicht die Menge des Substituts nie aus! Es gibt daher recht häufig die Versuche bei der Methadonvergabe oder sonstiger Drogenersatzstoffe zu betrügen oder sich des Beikonsums zu bedienen.

Haben Sie häufig Patienten, die während der Haftzeit rückfällig werden?
Ja, diese Probleme existieren. Ich glaube nicht, dass das häufig ist, aber eine harte Grundlage, das heißt eine Statistik darüber, lässt sich nur schwer erstellen.

Gibt es Krankheiten, die für Konsumenten harter Drogen typisch sind?
Das Auftreten multipler Abszesse, häufige Hepatitis- und HIV Infektionen, Unterernährung und die Folgen mangelnder Hygiene.

Wie sehen Sie die Gefährlichkeit von Cannabis (Haschisch, Marihuana)?
Ich privat sehe das Gefährdungspotential ungefähr wie bei Alkohol. Die Wissenschaft und die Justiz sehen die Sache allerdings völlig anders.

Welche Hilfestellungen fehlen in unserer JVA?
Ich glaube nicht, dass Hilfestellungen fehlen. Die medizinische Versorgung ist für die meisten der hier Einsitzenden deutlich besser erreichbar und effektiver als unter den Bedingungen „draußen”. Die Betreuung durch PsychologenInnen und SozialarbeiterInnen ist ebenfalls vorhanden. Weiter finden sich Möglichkeiten der Betreuung durch kirchliche MitarbeiterInnen.

Werden Drogenabhängige Ihrer Erfahrung nach oft erneut straffällig?
Ja, einige der Drogenabhängigen kenne ich seit meinem Dienstbeginn 1978! In dieser Zeit hat man sich schon oft gesehen. Bei manch einem Patienten stellt sich unwillkürlich die Frage: Was hält ein Mensch so aus. Teilweise ist es vorsätzliche Vergiftung über Jahrzehnte hinweg.

Könnten Drogenabhängige außerhalb und ohne die vielen Beschränkungen der JVA erfolgreicher mit ihrer Sucht umgehen lernen?
Nein, ich glaube das nicht. Außerhalb des Vollzuges sind Drogen leichter zu beschaffen und die Motivation oder Bereitschaft, sich mit dem eigenen Suchtverhalten auseinander zu setzten, ist wesentlich geringer. Nach erfolgtem körperlichen Entzug und der Versorgung mit allem Notwendigen, könnten sich mehr Patienten als die, die es bereits heute machen, mit Ihrer Sucht auseinander setzen.

Wie viele Inhaftierte sind Konsumenten harter Drogen – einschließlich derer, die vielleicht momentan nicht an Stoff herankommen?
Diese Zahl lässt sich für unsere JVA nur schätzen. Es dürfte sich dabei aber um ca. 35% mit einer Dunkelziffer von bis zu 50% der Inhaftierten handeln.

Gibt es Ihrer Meinung nach Inhaftierte, die in der JVA erstmals harte Drogen konsumieren?
Auch diese Patienten soll es geben. Genauere Daten sind jedoch unmöglich zu erheben. Die Zahl derer, die freiwillig erscheint und zugibt (erstmals) in der Haft Drogen konsumiert zu haben, ist sehr gering.

Ulmer Echo dankt für Ihre Mitarbeit!

zurück zum Inhaltsverzeichnis Drogen 2008