Erschienen in der Sonderausgabe Drogen 2008

Interview mit dem Sozialdienstler der AoA

Was sind Ihrer Erfahrung nach in unserer JVA die wichtigsten Probleme in Bezug auf illegale Drogen?
Die Problemlage ist sicherlich sehr vielschichtig. Aus meiner Sicht ist das größte Problem die bescheidende Personalsituation. Es gibt in Anbetracht der hohen Zahl der Drogenabhängigen (ca. 50%) einfach viel zu wenig Sozialarbeiter/innen und Suchtberater/innen. Es ist leider nicht möglich, genügend Hilfsangebote zu machen. Auch greifen manche Hilfen in Anbetracht der vielschichtigen Probleme von Inhaftierten zu kurz. Bei den meisten häufen sich die Schwierigkeiten: familiäre Probleme, Schulden, fehlende Schul- oder Berufausbildung, Arbeitslosigkeit, soziale Verelendung, psychische Krankheitsbilder, kriminelles Verhalten usw. kommen zur Suchtproblematik hinzu. D.h. mit einer Behandlung der Suchterkrankung sind die anderen Probleme nicht erledigt. Das Angebot müsste breiter sein.
Weitere Probleme sehe ich in der Radikalität der illegalen Drogen. Es erschüttert mich bei Wiederkehrern immer wieder, mit welcher Brutalität Drogen Lebensperspektiven vernichten können. Die Motivation, etwas am Drogenproblem zu tun, ist häufig nicht ausreichend: Viele sind nach jahrelangem Drogenkonsum und Hafterfahrungen enttäuscht und mutlos und gehen mit dem eigenen Leben so um, als hätte es keinen Wert.
Schließlich stößt Suchtberatung in Haft an Grenzen. Hiermit meine ich die Spanne von fehlendem Zeugnisverweigerungsrecht der Suchtberater bis hin zur subkulturellen Verflechtung der Abhängigen.

Gibt es auch Probleme mit legalen Drogen?
Andere Suchtformen, insbesondere der Alkoholkonsum, treten hinter der Problematik illegaler Drogen in den Hintergrund. Waren vor 20 Jahren noch ca. 30% der Inhaftierten alkoholabhängig, so sind es heute vielleicht 5%. Damals lag die Zahl der von illegalen Drogen Abhängigen noch deutlich unter der der Alkoholkranken. Bei vielen Abhängigen besteht heute eine Mehrfachabhängigkeit mit dem Schwerpunkt auf illegalen Drogen, Alkohol dient als Ersatzstoff.
Vereinzelt besteht eine Spielsucht. Für diese auch verborgene Sucht genannte Abhängigkeitsform bestehen allerdings nur wenige Behandlungsmöglichkeiten.

Welche Inhaftierte können auf die AOA verlegt werden?
Wir machen in jedem Fall mit den Bewerbern ein Aufnahmegespräch. Hier versuchen wir dann gemeinsam abzuklären, ob eine Abhängigkeit vorliegt und ob es möglich ist, später eine Kostenzusage zu erhalten und eine Strafaussetzung zu erwirken. Ist das geklärt, erhält jeder seine Chance, wenn er sagt: „Ich will in Therapie und ich akzeptiere die Bedingungen auf der AoA.” Wir machen also keine Motivations- oder Eignungsprüfung.

Befürchten Sie, dass Inhaftierte wegen günstigerer Bedingungen auf die AOA wollen? Nein! Wenn dass für jemanden die Motivation wäre, auf die AoA zu kommen, ist das erst einmal ok. Dabei darf es allerdings nicht bleiben, da er so keine Therapie schaffen kann.

Welche Zielrichtung hat Ihre Arbeit? Was bezeichnen Sie als Erfolg?
Ich möchte, dass die Bewohner sich auf eine stationäre Therapie vorbereiten können. Hier können sie sich an die Regeln von Therapieeinrichtungen gewöhnen, sich mit sich und ihrer Erkrankung auseinandersetzen und ein Bild davon entwickeln, was Therapie ist. Wir machen keine Therapie, wir bereiten nur darauf vor. Je klarer sich der Einzelne über die o.g. Punkte ist, je mehr er ernsthaft über sich nachdenkt, desto größer ist seine Chance, eine Therapie zu schaffen.
Insoweit ist es schon ein großer Erfolg, den Rahmen für eine gute Vorbereitung bieten zu können. Ich freue mich über jeden, der eine Therapie schafft. Da ich weiß, wie schwer die Therapie ist (leichter und bequemer ist es, zu konsumieren und den Knast abzusitzen), kann es im Einzelfall auch sein, dass ich mich darüber freue, wenn jemand gut in der Therapie ankommt und sich dort um die eigene Entwicklung bemüht.
Uns ist klar, dass wir keinen Einfluss auf den Verlauf der Therapie haben. Da liegen viele Unabwägbarkeiten, z.B.: Finde ich mich in der Einrichtung zurecht? Wie komme ich mit den anderen dort klar? Was machen meine Angehörigen? Wie gehe ich mit dem Suchtdruck um? Welche schweren persönlichen Themen tauchen in der Therapie auf? Also: ein Therapieabschluss ist ein schöner Erfolg, manchmal liegen die Erfolgserlebnisse auch darunter.

Wie schätzen Sie das ein: wie viel Erfolg hat die AOA und wie viel Erfolg die anschließende Therapie?
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Abteilungen wie die AoA der richtige Weg der Therapievorbereitung sind. Erste landesweite Auswertungen aller Justizvollzugsanstalten zeigen, dass Klienten, die von Abteilungen wie der AoA in Therapie vermittelt werden, eine deutlich höhere Abschlussquote haben als diejenigen, die herkömmlich vermittelt werden. Entscheidenden Einfluss scheint hier das sog. „setting” zu besitzen, d.h., dass der Rahmen der geboten wird – wie z.B. eine offene Abteilung, Gruppenteilnahme, Regelwerk ähnlich der Therapie – gute Startchancen in der Therapie bietet. Allerdings bin ich weit davon entfernt, zu glauben, dass der Rahmen, den wir mit der AoA bieten, ausreichend ist.
Wir haben in einem Jahr einmal in den Therapieeinrichtungen nachgefragt, wer eine Therapie abgeschlossen und wer sie abgebrochen hat. Das erstaunliche Ergebnis war: 40% hatten die Therapie beendet. Das war sicherlich eine außerordentlich hohe Abschlussquote, aber es zeigt mir, dass es Sinn macht, was wir tun. Nebenbei bemerkt: es werden aus der JVA Düsseldorf jährlich 60 bis 70 drogenabhängige Gefangene in Therapie vermittelt. Das ist im Vergleich zu anderen Anstalten eine der höchsten Vermittlungszahlen. Im Durchschnitt wird bei jedem Inhaftierten dabei ein Jahr Freiheitsstrafe ausgesetzt. Für jeden, der es schafft, bedeutet das: 1 Jahr geschenktes Leben!

Gab es Inhaftierte, die von hier in Therapie gegangen sind und danach wieder in die JVA gekommen sind? Natürlich, ich bin ja nicht blind. Suchterkrankung ohne Rückfälligkeit gibt es nicht; sie ist eine sehr schwere seelische Erkrankung, man kann sie nicht wie einen Beinbruch operieren. Die Wurzeln der Krankheit liegen in der Kindheit, d.h. je nach Alter 20, 30 oder 40 Jahre zurück. Bei einer so langen Suchtgeschichte ist es klar, dass die Zeit auf der AoA und in der Therapie häufig nicht ausreicht. Zudem ist die stationäre Therapie das hochschwelligste Hilfeangebot, das es für Drogenabhängige gibt. Von daher kann ich gut verstehen, wenn es jemand nicht schafft. Ich erwarte aber, dass er es ernsthaft versucht hat. Bei wem wir diese Ernsthaftigkeit erkennen, der erhält nach dem Abbruch eine 2. Chance auf der AoA. Wer erst gar nicht in der Therapieeinrichtung aufgelaufen ist, wird es schwerer haben, uns zu überzeugen.

Welche Hilfestellungen für Drogenkonsumenten fehlen Ihrer Meinung nach in unserer JVA bzw. der AOA? Ich glaube, dass wir die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren verbessern konnten. Hierzu zählt auch, dass unser Einsatz seitens der Stadt Düsseldorf belohnt wurde, die die Finanzierung der Stellen von Herrn Hombach (komm-pass) und Herrn Koch (Drogenhilfezentrum) übernommen hat. Die Arbeit der AoA hat sich im Jahr 2007 sehr positiv entwickelt. Das ganze System von der Informationsgruppe auf der Aufnahmeabteilung über die Kooperation mit den Beratungsstellen bis hin zur Therapievermittlung ist besser geworden.
Mit dem Erreichten dürfen wir uns nicht zu Ruhe setzen. Wir haben zu wenig Personal, das einfach nur da ist, zuhört, Zeit hat, Menschen durch die Haft begleitet und das insbesondere motivierende Hilfen anbietet. Der Übergang zur Entlassung müsste besser gestaltet sein, viele stürzen trotz guter Vorsätze draußen schnell wieder ab; wenn Enttäuschungen kommen, ist der Weg zur Szene kurz. Auch fehlen lebenspraktische Hilfen. Wie soll derjenige, der 10 oder 20 Jahre Platte gemacht und dazwischen Jahre in Unselbständigkeit im Knast gesessen hat, auf einmal eine Wohnung unterhalten, seine alltäglichen Dinge erledigen, Wäsche waschen oder kochen können? Hauswirtschaftskurse und kleinere Wohngruppen wären in der Haft ideal.

„Schon komisch: wir spielen hier die Wirklichkeit einer Therapieeinrichtung.“ (Ein AoA-Inhaftierter)

Das m.E. größte Problem der AoA ist die Gruppengröße; 33 Plätze sind zu viel. Und die bauliche Situation, insbesondere die Dreierzellen, ist schlecht. Zur Verbesserung der Therapievorbereitung würden Einzelhafträume beitragen: jeder braucht Rückzugsmöglichkeiten. Ich würde mir wünschen, Angehörige in die Therapievorbereitung einbeziehen zu können. Das Freizeit-, Sport und Arbeitsangebot ist zu dürftig. Der vom Drogenkonsum gezeichnete Körper müsste mehr gefordert, Vertrauen in die körperliche Leistungsfähigkeit gefördert werden. Freizeitinteressen müssen geweckt werden. Ein arbeitstherapeutisches Angebot wäre für die AoA sehr günstig; da die Drogenabhängigkeit Vieler schon in der Schulzeit begann, haben sie keine Erfahrungen in der Arbeitswelt gesammelt.
Ideen gibt es genug und mein Wille ist da, das Angebot kontinuierlich zu verbessern. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich kein Anhänger von Forderungen wie der Spritzenautomaten in Haft bin.

Welchen Problemen oder Grenzen begegnen Sie in Ihrer Arbeit?
Grenzen und Probleme in der Arbeit im Knast treten überall auf. Ich bin grundsätzlich der Auffassung: Probleme müssen gelöst und Grenzen überwunden werden. Wenn ich nur den Blick für die Behinderungen in der Arbeit hätte, könnte ich depressiv werden. Ich bemühe mich darum, den Blick auf die Chancen zu richten, z.B. die, die mit der AoA verbunden sind.
Eine Grenze möchte ich allerdings ansprechen: Ich wünsche mir von allen Seiten mehr Akzeptanz und Unterstützung für die AoA.

Gibt es genug Suchtkrankenhelfer für die Therapievermittlung?
Nein! Eine Personalberechungskommission hat auf Landesebene festgelegt, dass den Anstalten pro 500 Inhaftierten ein Suchtkrankenhelfer zusteht. Wenn man diese Zahl hört, fehlen einem die Worte: man braucht nichts mehr dazu zu sagen. Sie sind ein Schlag ins Gesicht für jemanden, der sich bemüht, ernsthaft an dem Problem der Suchterkrankung zu arbeiten.
Ein schlechter Witz: das Land berechnet eine (1!) Hilfe für die 50% Suchtkranken unter 500 Inhaftierten. Wegen der Personalnot haben wir auf der AoA das System umgestellt und den Bereichsleiter und die Abteilungsbeamten intern zu Suchtberatern ausgebildet. Dieses Modell hat sich sehr bewährt und wird von den Bewohnern der AoA gut angenommen.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AoA machen einen anstrengenden, mit persönlichen Enttäuschungen verbundenen Job und engagieren sich über das geforderte Maß hinaus. Sie machen ihre Arbeit gerne, weil sie erfahren, dass die Arbeit Sinn macht, dass sie günstige Entwicklungen fördern können, dass es Spaß macht Verantwortung in einem guten Team zu übernehmen.

Erfährt auch, wer nicht auf die AOA will, Hilfen, um nach der Haftzeit Therapie machen zu können?
Als Grundsatz gilt: Therapievermittlung erfolgt nur über die AoA. Das hat zwei Gründe. Erstens: die Therapievermittlung über die AoA erhöht die Chancen zur Bewältigung der Suchterkrankung: Zweitens: die Personalsituation lässt einen zweigleisigen Weg nicht zu.
Es gibt klar definierte Ausnahmen: Herr Hombach von der Drogenberatungsstelle komm-pass betreut Klienten, zu denen komm-pass bereits vor der Haft regelmäßigen Kontakt hatte. Er vermittelt auch Klienten in Therapie, die z.B. aus psychischen oder medizinischen Gründe - nicht von der AoA aus vermittelt werden können.
Als Gründe, nicht auf die AoA zu kommen, höre ich immer wieder: „Keine Lust auf eine Dreierzelle”, „Keinen Bock – zu anstrengend”, „Ich habe mich gerade auf einer anderen Abteilung eingewöhnt”, „Ich will lieber Hausarbeiter werden”. Diese Begründungen mögen im Einzelfall nachvollziehbar sein, sie zeigen mir aber, dass diejenigen nicht erkannt haben, was vordringlich ist – die Behandlung ihrer Suchterkrankung. Ich erwarte, dass jemand dafür bereit ist, gewisse Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Er bekommt auf der anderen Seite viel dafür.

Würden Drogenabhängige außerhalb und ohne die vielen Beschränkungen der JVA erfolgreicher lernen können, mit ihrer Sucht umzugehen?
Ich will keinesfalls den Knast schön reden. Man kann sich fragen, warum Drogenabhängige, die andere nicht gefährden (sie sind meist nur eine Gefahr für sich selbst), überhaupt in Haft sind. Die Haft kann für Drogenabhängige und auch andere Problematiken keinen angemessenen Behandlungsrahmen bieten. Deshalb erfolgen Therapien nicht in der Haft, sondern draußen.
Andererseits bin ich davon überzeugt, dass viele Drogenabhängig ohne Haft nicht so lange überlebt hätten und hier zu Besinnung kommen und ihr Leben neu in Angriff nehmen können. Berechtigt ist die Frage, ob dazu die Haft erforderlich ist oder nicht ein anderer Rahmen besser wäre. Viele schaffen es draußen unter der Schwere der Erkrankung nicht.

„Therapie statt Strafe” nach § 35 BtmG: macht das Sinn?
Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Drogenpolitik (eine verbesserte Perspektive sehe ich da nicht; ich fürchte eher, dass die Möglichkeit eingeschränkt wird), macht die „Therapie statt Strafe“ Sinn. Ich weiß, dass das Modell auch als Zwangstherapie bezeichnet wird. Für mich steckt hinter der grundsätzlichen drogenpolitischen Fragestellung auch die Frage der Motivation. Wodurch lässt sich der Mensch motivieren, etwas zu tun oder zu unterlassen? Viele würden sich beispielsweise ein umweltverträgliches Auto kaufen, wenn dieser Kauf steuerlich begünstigt würde. Außenanreize sind also ein Teil der Motivation.
Ein solcher Außenanreiz ist der § 35 BtmG. Wenn jemand sagt, ich gehe in Therapie, um den Knast zu vermeiden, ist das vom Gesetz her gewollt und völlig ok. Aber die äußere Motivation wird nicht reichen, eine Therapie zu schaffen. Wir bemühen uns deshalb auf der AoA, innere Motivation zu wecken. Wenn sich jemand mit Fragen beschäftigt wie: „Warum nehme ich Drogen? Wie kam es zum Rückfall? Was erwartet mich in der Therapie? Was kann ich an meinem Verhalten ändern?”, hat er größere Chancen.

Gibt es Inhaftierte, die in der JVA erstmals harte Drogen konsumiert haben?
Ja – das haben mir verschiedene Abhängige in Gesprächen mitgeteilt. Die JVA würde das gerne verhindern, stößt da leider an Grenzen.

Ulmer Echo dankt für Ihre Mitarbeit!
Ich bedanke mich beim Ulmer Echo für das Interview.

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