Schnellschüsse in alle Richtungen?

Kommentar der Redaktion des ULMER ECHO

Als nicht nachvollziehbar sehen wir auch andere uns bekannt gewordene Entscheidungen. Zum Beispiel wurde einem Inhaftierten von der Abteilungsleitung ein Urlaub verwehrt, da seine noch zu verbüßende Haftzeit mit rund 3 Jahren zu lang sei. Seinem befreundeten Mitinhaftierten versagte man parallel die gleiche Lockerung, da dessen noch zu verbüßende Haftzeit mit nur noch 20 Tagen (!) zu kurz sei. "Das muss ich doch nicht verstehen, oder?", fragt der Betroffene und schüttelt den Kopf. Ü-berhaupt ist es schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, dass viele für den einzelnen Inhaftierten wichtige Entscheidungen als Schnellschüsse abgehandelt werden. Eine nachvollziehbare Logik ist dabei nicht zu erkennen. In der Frage von Ausführungs- und/oder Urlaubsgenehmigungen scheint es, als würde allen Antragstellern ein ungesetzliches Verhalten während des Ausgangs oder Urlaubes unterstellt, sozusagen als Präventivmaßnahme gegen Lockerungsmissbrauch. Klar, wer erst gar nicht rausgelassen wird, kommt auch nicht auf den Gedanken, nicht zurückzukommen. Die statistische Quote der Entscheidenden bleibt sauber. Also müssen wir annehmen, dass die Absicherung der/des Leitenden als wichtiger erachtet wird, als das Schicksal eines eingesperrten Menschen. Um den sollte es im Vollzug aber eigentlich gehen.

Um-gezwungen

Einen ganz wichtigen Nebeneffekt übersieht die Leitung. Wenn Menschen manchmal über Jahre hinweg gezwungen werden, mit logisch nicht nachvollziehbaren Entscheidungen zu leben, verändert sich auch deren Denkweise. Besonders, wenn die Entscheidungen negativ für den Inhaftierten ausfallen. Er wird quasi gesellschaftsunfähig gemacht. Besser wäre, ihn wieder in Richtung gesellschaftliche Normen und Regeln einzunorden - und dazu muss er einbezogen werden. Die Hilfe zu einem "Leben in sozialer Verantwortung" soll ihm geboten werden, sagt der Gesetzgeber.

Überhaupt spricht dieses "unfähig gemacht werden" gegen das Strafvollzugsgesetz: "Schädlichen Auswirkungen des Vollzuges ist entgegenzuwirken" * 3 Abs.2 u. 3; 4 StVollzG. Dass ein Leben 1.) ohne dass einem Verständnis entgegen gebracht wird, 2.) mit einem ständigen "nicht nachvollziehen können" und 3.) mit einem durch Zwang verändertem Denken psychisch krank macht, braucht nicht besonders erwähnt zu werden.

Erfahrene Inhaftierte drücken die Schizoidität, die so entsteht, aus, wenn sie sagen: "Im Knast musst du links blinken und rechts fahren."

[pb/dm]

 

* Auszug aus dem Strafvollzugsgesetz (StVollzG)

3 Gestaltung des Vollzuges
  1. Das Leben im Vollzug soll den allgemeinen Lebensverhältnissen soweit als möglich angeglichen werden.
  2. Schädlichen Auswirkungen des Vollzuges ist entgegenzuwirken.
  3. Der Vollzug ist darauf auszurichten, dass er dem Gefangenen hilft, sich in das Leben in Freiheit einzugliedern.


4 Stellung des Gefangenen

  1. Der Gefangene wirkt an der Gestaltung seiner Behandlung und an der Erreichung des Vollzugs zieles mit. Seine Bereitschaft hierzu ist zu wecken und zu fördern.
  2. Der Gefangene unterliegt den in diesem Gesetz vorgesehen Beschränkungen seiner Freiheit. So weit das Gesetz eine besondere Regelung nicht enthält, dürfen ihm nur Beschränkungen auferlegt werden, die zur Aufrechterhaltung der Sicherheit oder zur Abwendung einer schwerwiegenden Störung der Ordnung der Anstalt unerlässlich ist

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