"Jede Hilfe soll neue Straftaten verhindern"

Katholischer Gefängnisverein feiert heute 110-jähriges Bestehen

Wer als Gefangener hinter Gittern sitzt, der dürfte mit Kirche nicht viel am Hut haben - das meinen Außenstehende. Doch weit gefehlt. Missionieren muss Gefängnisseelsorger Reiner Spiegel in der Justizvollzugsanstalt Ulmenstraße 95 nicht. Im Gegenteil. "Ich habe soviele Anfragen für ein Gespräch, da wären zehn Seelsorger nötig, um allen gerecht zu werden", sagt er und verweist auf einen dicken Stapel Papier mit Besuchswünschen.


Seit 20 Jahren ist Gefängnisseelsorger Reiner Spiegel in der JVA tätig. Ein großer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in den Einzelgesprächen mit Inhaftierten.

Seit 20 Jahren ist Reiner Spiegel in der Düsseldorfer JVA tätig und immer noch "mit Begeisterung dabei". Der Seelsorger ist zugleich Geschäftsführer des Katholischen Gefängnisvereins Düsseldorf, der heute mit einem Festakt sein 110-jähriges Bestehen feiert. Der Verein wurde 1893 gegründet, als die Justizvollzugsanstalt auf der Ulmenstraße gebaut wurde.

Der Gefängnisverein hat sein Büro und seine Mitarbeiter, Seelsorger und Fürsorger, innerhalb der Haftanstalt untergebracht. Das ist in dieser Form einmalig in Deutschland. Zu den Hauptamtlichen gehören neben Spiegel ein weiterer Seelsorger, eine Sozialpädagogin, ein Sozialarbeiter und eine Kriminologin. Dazu kommen 65 Ehrenamtliche zwischen 20 und 80 Jahren aus allen Schichten und Berufsgruppen, die mit Einzelbesuchen und Gruppenangeboten die Arbeit der Hauptamtlichen unterstützen.

"Unterstützen statt verwahren - eingliedern statt ausschließen" ist das Motto des Katholischen Gefängnisvereins. In die Praxis umgesetzt heißt das, Betreuung und Hilfestellung für die Gefangenen und deren Angehörige während und nach der Haft. Dazu gehört zum Beispiel Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, psychosoziale Begleitung, Hilfe bei Insolvenzverfahren, Suchtproblemen oder Aids, aber auch eine sinnvolle Freizeitgestaltung während der Haft. Ein gemeinsamer Gottesdienst, an dem wöchentlich rund 150 Gefangene teilnehmen, sowie drei Jugendgottesdienste in kleineren Gruppen werden regelmäßig gefeiert.

600 Inhaftierte - vom Dieb bis zum Terroristen - sitzen derzeit in der JVA, die meisten für eineinhalb bis vier Jahre. "Das christliche Menschenbild sieht vor, jedem eine Chance zu geben und unendlich oft zu verzeihen", sagt Pfarrer Spiegel über seine Motivation, weiß aber auch, dass dies nicht jeder kann. Gerade dann, wenn der Tatbestand Kindesmissbrauch oder Mord ist.

"Von den schweren Fällen gibt es relativ wenig", sagt der 51-jährige: "Der größte Teil sind arme Schlucker. Insbesondere bei den Jugendlichen sind viele auch Opfer von Gewalt und Missbrauch, bevor sie zu Tätern werden." Die meisten kämen aus kaputten Familien, würden nur "saufende und schlagende Väter, überforderte Mütter sowie Drogen und Gewalt" als Problemlösung kennen.

"Wir nehmen uns Zeit zuzuhören, wir verurteilen nicht, wir klagen nicht an, sondern suchen nach den Möglichkeiten, die in dem Einzelnen stecken, um so die Hoffnung auf die Zukunft wachzuhalten", so der Seelsorger. Dabei soll "jede Hilfe neue Straftaten verhindern, damit es in Zukunft keine Opfer mehr gibt".

ska

Die inhaftierten Redakteure des ULMER ECHO möchten an dieser Stelle den im Katholischen Gefäng-nisverein Tätigen ihren aufrichtigen Dank, ihren größten Respekt und last but not least, ihre herz-lichsten Glückwünsche zum 110-jährigen Bestehen aussprechen. Verbunden mit der Bitte, die Tätig-keiten niemals nachzulassen.


 Zurück