"Ich gehe gerne in den Knast, wirklich!"

Gefängnisverein / Seit 20 Jahren hilft Reiner Spiegel (51) Inhaftierten. Die Nachfrage ist groß, die Probleme sind's auch

Ursula Posny

DERENDORF. Reiner Spiegel geht gern in den Knast. "Wirklich!" beteuert er, als er mit diesem Bekenntnis ungläubiges Staunen erntet. Allerdings kann er ihn auch jeden Abend wieder verlassen. Seit 20 Jahren hat der katholische Priester (51) ein offenes Ohr für Häftlinge und trommelt bei den Behörden, wenn ihm Missstände im Kittchen keine Ruhe lassen. Und es gibt viele Probleme "hier drinnen", wie Spiegel seinen vom Staat bezahlten Arbeitsplatz in der Justizvollzugsanstalt an der Ulmenstraße nennt.


Reiner Spiegel (51) leitet als Mit-Geschäftsführer den katholischen Gefängnisverein, der jetzt 110 Jahre alt wird. 80 ehrenamtliche Helfer haben ein offenes Ohr für die Häftlinge und ihre Angehörigen. Geholfen wird allen, ganz gleich ob Christ oder Moslem. (Foto: Alex Büttner)

In diesen Tagen ist der Seelsorger, ein doppelt gefragter Mann. Denn der Katholische Gefängnisverein, den er als Mit-Geschäftsführer leitet, wird 110 Jahre alt. An seiner Spitze: der pensionierte Richter Otto Strauß, bei Drogen-Dealern einst sehr gefürchtet und Helmut Rattenhuber, Kämmerer der Stadt.

"Wir wollen nicht missionieren"

60 ehrenamtliche Helfer, zwischen 20 und 80 Jahre alt, wirken in dem Verein mit, unterstützen die Theologen und die Sozialarbeiter bei ihrer Arbeit. Und: Sie begleiten und betreuen Menschen, die ihre Strafen verbüßen. Aber sie kümmern sich auch um deren Angehörige. "Wir wollen nicht missionieren, sonderneinfach für die Menschen da sein", umreißt Spiegel die Arbeit, die nach der Entlassung oft noch schwieriger wird. Denn mit der Verbüßung ist die Verurteilung nicht erledigt: Arbeitsplatz. und Wohnung sind weg, Schulden haben sich aufgetürmt. Oft sind auch die Familien zerbrochen. Ehefrauen und Kinder schämen sich, und die Väter fühlen sich schuldig.

Wer in den Knast kommt, hat Lebensprobleme. Da könne Seelsorge nur Menschensorge heißen, findet der 51-jährige Priester. Ganz gleich, ob jemand Christ oder Moslem ist: "Wir sehen den ganzen Menschen." Dabei läuft der Geistliche den "armen Schafen" keineswegs nach. "Die Leute müssen schon zu uns kommen, wenn sie mit uns reden wollen." Das wollen viele. Zu viele. Reiner Spiegel hebt einen Stapel Zettel hoch: "Diese Leute wollen alle ein Gespräch. Wenn ich mit einem eine Stunde rede, müssen 50 andere warten."

Nur ein Tropfen auf den heißen Stein

Gesprächskreise für Angehörige, Hilfe bei Bewerbungen, Schuldenberatung, aber auch Familientage im Knast, die von Eheberatern und Sozialarbeitern begleitet werden, sind heute wichtige Angebote. Letztendlich aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zumal immer mehr staatliche Angebote zurück gefahren werden. "Wir hier drinnen haben keine Lobby", weiß Reiner Spiegel.

Manchmal werde ihm und seinen Mitstreitern von offizieller Seite etwas Honig um den Bart geschmiert, wie er es nennt: "Aber auch nur, damit wir nicht zu sehr stören."

aus: NRZ vom 11.11.03


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