Festvortrag anlässlich des 110-jährigen Bestehens des Katholischen Gefängnisvereins Düsseldorf e. V.

Den Festvortrag hielt Herr Andreas Sellner, Abteilungsleiter der Abteilung Gefährdetenhilfe im Diözesan-Caritasverband für das Bistum Köln e.V.

 

Sehr geehrter Herr Kardinal, sehr geehrter Herr Ltd. Ministerialrat Gröner, sehr geehrter Herr Dr. Strauß, gerne bin ich der Anfrage von Gefängnispfarrer Reiner Spiegel nachgekommen, heute anlässlich Ihres 110-jährigen Jubiläums eine kleine Rede zu halten.

Sicher fragen Sie sich, was hat dieser Mann, damit meine ich mich, uns zu sagen und warum? Vielleicht kurz zu meiner Person und Funktion: Seit fast 13 Jahren leite ich die Abteilung "Gefährdetenhilfe" im Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e. V.. Hier ressortiert auch der Bereich der Straffälligenhilfe.

Als Vertreter der Diözesen in Deutschland bin ich seit 12 Jahren im Vorstand der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe. In diesem Kontext ist mir die Arbeit des Katholischen Gefängnisvereins Düsseldorf vertraut, nicht zuletzt durch den Gefängnispfarrer Reiner Spiegel, der viele Jahre die Katholische Bundeskonferenz der Gefängnisseelsorger im Vorstand der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe vertrat. Somit sind mir seine Berichte aus dem Praxisalltag des Katholischen Gefängnisvereins, ebenso wie sein seelsorgerisches, unermüdliches Wirken, auch Dank der phantasievollen Korrespondenz, die wir miteinander pflegen, in guter, wertgeschätzter und lebhafter Erinnerung.

Darüber hinaus vertrete ich als Geschäftsführer des Arbeitsausschusses "Gefährdetenhilfe" der Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege als Koordinator die sozialen und kriminalpolitischen Interessen der Betroffenen und Verbände, eben auch des Katholischen Gefängnisvereins gegenüber Politik und Justiz. Als Ansprechpartner des Justizministeriums haben wir im Sinne einer mit den Wohlfahrtsverbänden abgestimmten integrierten Kriminalpolitik seit 1995 eine vertiefte und verbindlichere Zusammenarbeit in den unterschiedlichsten Förderbereichen der Freien Straffälligenhilfe gemeinsam entwickelt. Beispielhaft hierfür steht u.a. auch die Förderung der ehrenamtlichen Arbeit in der Straffälligenhilfe im Katholischen Gefängnisverein Düsseldorf durch das Justizministerium NW. Leider wird einmal wieder durch den aktuell vorgelegten Haushaltsentwurf 2004/2005 diese Förderurig und somit die Finanzierung dieser Arbeit in Frage gestellt, ebenfalls was ein vom Landtag NRW gefordertes landesweit zu entwickelndes Konzept zur Haftvermeidung/Haftverkürzung betrifft. Dazu jedoch später.

Meinen Vortrag möchte ich wie folgt gliedern: Nach einer kurzen Standortbestimmung der Straffälligenhilfe heute, eingehend und einbezogen natürlich das Wirken des Katholischen Gefängnisvereins in Düsseldorf, möchte ich noch einmal an die Wurzeln einer vom christlichen Menschenbild her geprägt handelnden Straffälligenhilfe erinnern und sowohl justiz- und sozialpolitische, als auch die religiös kirchlich, ja katholischen Aspekte ansprechen, die dann einfließen in eine gesamtgesellschaftliche Sicht der Dinge. Vielleicht überwiegt zum guten Schluss meines Vortrages perspektivisch das gemeinsame strategische Bemühen und Handeln aller Akteure im Bereich der Straffälligenhilfe im Hinblick auf die Integration straffälliger Frauen und Männer und die Unterstützung und Begleitung ihrer Angehörigen - zumindest als Vision.

Sehr geehrte Damen und Herren, soziale Hilfe für Straffällige und ihre Angehörigen blickt in ihrer wohlfahrtsverbandlichen Organisation auf eine lange Tradition zurück. Denken wir z. B. an die Gründung der Inneren Mission 1848 bzw. an die Gründung des Deutschen Caritasverbandes von 1897 und die 1826 gegründete rheinisch westfälische Gefängnisgesellschaft. In diese Zeit der Gründungen gerade katholischer Vereine, wie z. B. der Sozialdienst Katholischer Männer oder der Sozialdienst katholischer Frauen fällt auch 1893 die Gründung des Katholischen Gefängnisvereins Düsseldorf.

Beschränkte sich der staatliche Umgang mit Kriminalität lange auf die Aburteilung des Täters und die Vollstreckung der Strafe, war die Fürsorge für Gefangene und haftentlassene Menschen und ihre betroffenen Angehörigen nichtstaatlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Vereinigungen vorbehalten. Als der Katholische Gefängnisverein 1893 gegründet wurde, herrschten in den "Arresthäusern" - so hießen die Gefängnisse damals - schlimme Zustände: Kinder saßen gemeinsam mit Berufsräubern ein, die zu Dutzenden in kahle große Säle gesperrt waren. Erst nach 1945 setzte eine allmähliche Professionalisierung sozialer Arbeit ein. Parallel zum Aufbau staatlicher sozialer Dienste entwickelte sich in Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung ein breites Spektrum freier, zunächst fast ausschließlich ehrenamtlicher Hilfe für Straffällige, später zunehmend professioneller Hilfen und Facheinrichtungen, die sich sowohl innerhalb der Wohlfahrtsverbände etablierten, als auch zu einer Professionalisierung traditioneller Vereine, wie dem Katholischen Gefängnisverein in Düsseldorf führten. Neben der bedarfsgerechten Spezialisierung der Hilfe und Unterstützungsangebote für Straffällige und ihre Angehörigen hat sich auch die einsitzende Klientel über die Jahre verändert.

Insofern ist es wichtig, die Phänomenologie der Kriminalität sich noch einmal aktuell vor Augen zu führen. Folgt man der kriminologischen Literatur der letzten Jahre in ihrer Beschreibung des Phänomens Kriminalität und unterscheidet man einmal nicht nach Dunkelfeld und Hellfeld, also nach bekannt gewordenen bzw. verfolgten Delikten und solchen, die unentdeckt geblieben sind, kann man grob folgende Dreiteilung von Kriminalität hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Verortung vornehmen: Wir haben in unserer Gesellschaft zum einen die sogenannte Kriminalität der Mächtigen, manchmal auch als Makro-Kriminalität bezeichnet. Hierbei handelt es sich insbesondere um die Bereiche Wirtschaftskriminalität, Umwelt- und Computerkriminalität, Drogenmafia (organisierte Kriminalität), Missbrauch politischer Ämter etc. Ihren Ort hat diese Kriminalität in den oberen Etagen von Gesellschaft, Staat und Wirtschaft.

Der 2. Bereich umfasst die sogenannte Kriminalität der angepassten oder wie sie in einem Buchtitel bezeichnet wird, die "Kriminalität der Braven". Hierzu gehören alle Bereiche der berufsspezifischen Kriminalität von Ärzten, Rechtsanwälten, Handwerkern, Amtsleitern usw. wie die Kavaliers- und Massendelikte der Normalbürger, angefangen von der Steuerhinterziehung, Spesenbetrug über den Versicherungsbetrug bis hin zum Diebstahl am Arbeitsplatz. Ihren gesellschaftlichen Ort hat diese Kriminalität, wie unschwer zu vermuten ist, bei der breiten Schicht der unbescholtenen Bürgerinnen und Bürger.

Schließlich lässt sich ein 3. Bereich von Kriminalität davon unterscheiden, der uns am geläufigsten ist, die Kriminalität der sozial Schwachen mit den klassischen Delikten rund um das Vermögen/Eigentum, den Körperverletzungsdelikten und dem, was ansonsten unter Bagatellekriminalität subsummiert wird.

Mit dieser groben Auflistung soll zunächst nichts anderes ausgesagt werden, als dass Kriminalität in unserer heutigen Gesellschaft massenhaft vorkommt, normal ist und keine gesellschaftliche Gruppierung das alleinige Monopol auf kriminelle Handlungen besitzt. Dementsprechend evident ist auch die Tatsache, dass weitaus der größte Teil der kriminalisierbaren Konfliktfälle außerhalb des Strafrechts geregelt wird und dabei eine Fülle verschiedener Bewältigungstechniken entwickelt wird.

Ein 2ter wichtiger Schluss ist hieraus zu ziehen: Kriminalität ist nicht an eine Minderheit abweichender Persönlichkeitstypen gebunden, sondern stellt eine Minderheit von Ereignissen im Lebensalltag jedes Menschen dar.

Erhebliche Unterschiede zwischen den genannten Kriminalitätsbereichen treten allerdings auf in der öffentlichen Wahrnehmung und in der Art und Weise ihrer Bearbeitung. Während in der Regel - von sensationellen und fast schon exemplarischen Ausnahmen abgesehen - in den beiden ersten Bereichen der Kriminalität andere Verarbeitungsformen als Justiz und Sozialarbeit üblich sind, findet vorwiegend und in der Regel die Kriminalität der sozial Schwachen Eingang in die justizielle Verarbeitung und im Gefolge dann in der Verarbeitung durch die Sozialarbeit wie z. B. auch durch den Katholischen Gefängnisverein hier in Düsseldorf. Unser Kriminalitätsbild weist also eine soziale Schieflage auf.

Im Folgenden soll deshalb nur das Spektrum der Kriminalität interessieren, die den sozial Schwachen zugeschrieben wird. In diesem Bereich haben wir es, genauer betrachtet, zumeist mit Phänomenen zu tun, deren Hintergrund soziale Probleme, Routinestörungen, Ärgernisse, persönliche Lebenskatastrophen bilden. Diese Kriminalität stellt, wie viele andere Formen nicht strafwürdiger sozialer Abweichung auch, den Bewältigungsversuch eines ernsthaften Lebensproblems dar. Insofern greift die justizielle Sicht einer solchen Haltung als Verstoß gegen strafrechtliche Normen zu kurz. Kriminalität als sozialen Konflikt zu sehen, stellt die Frage nach der Schuld nicht abstrakt, sondern aus der Verantwortung des und für den Menschen. Darum können die adäquate Reaktion nicht nur das Fälligwerden von Strafe sein, sondern auch die Befähigung zur Verantwortung durch die Wiederherstellung von Beziehungen.

So verstanden ist Kriminalität ein Ausdruck von schwerwiegenden für den Betroffenen destruktiven Konflikten mit dem sozialen Umfeld. Diese Konflikte signalisieren Störungen, die in der Person und im Umfeld liegen. Konsequenz für die Sozialarbeit zur Kriminalitätsverarbeitung heißt, dass z.B. Resozialisierung nicht nur etwas sein darf, um das sich ein Einzelner bemüht, sondern auch gleichzeitig das Gemeinwesen über Veränderungsbedürftigkeit nachzudenken hat. Deshalb stellt sich auch die Frage nach der Schuld nicht abstrakt; wie gravierend ist der Verstoß gegen rechtliche und ethische Normen? Es bleibt dann auch relativ, und wäre dann in der Tat bürokratisch abzuhandeln: welcher Schaden ist entstanden, und wie ist er auszugleichen? Entscheidend ist die Frage nach der Verantwortlichkeit des Einzelnen, eine Verantwortlichkeit, die mehr ist als Zurechnungsfähigkeit - sondern einen ganz wesentlichen Teil der Persönlichkeit ausmacht. Von daher ist die Frage nach der Schuld wichtig im Blick auf die Entfaltung von Perspektiven für die Persönlichkeit in der Zukunft.

Schuld im theologischen Sinn ist jedoch nicht deckungsgleich mit einem juristisch bestimmten Schuldverständnis. Die gerichtliche Bewertung der Schuldschwere bei der Verhängung und im Vollzug, z. B. der lebenslangen Freiheitsstrafe, hat für den theologischen Schuldbegriff keine Bedeutung. Die lebenslange Freiheitsstrafe schreibt Schuld endgültig fest und fordert für ihre Vollzugspraxis zu immer neuer Schuldfestlegung heraus. Die rechnet zeitlich unbefristet zerstörtes Leben auf und entspricht daher eher einem Vergeltungsdenken, als dem eines sicherlich sehr schweren dennoch nicht unmöglichen - Ausgleichs und Neuanfangs.

Erfahrung, Eingeständnis und Ausgleich von Schuld stehen im Zentrum christlichen Denkens. Kein Mensch kann als so verloren oder verderbt angesehen werden, dass er als "unrettbar" aufgegeben wird. Das christliche Verständnis sieht in jedem Menschen seinen Bruder, seine Schwester - in ihm oder in ihr, das Antlitz Jesu - unabhängig von seinen Taten und von seinem konkreten Leben.

Biblisches Denken setzt die Existenz des Menschen als eines in Schuld gefallenen und damit als Sünder vor Ort voraus. Gott will nicht den Tod, die endgültige Bestrafung des Sünders, sondern seine Bekehrung und Umkehr.

Im Vordergrund steht die Sensibilisierung für ein allgemeines Schuldbewusstsein. Primär ist nicht die Verurteilung, sondern die Suche nach einem Neuanfang: Der von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie (Joh. 8,7).

Auch Menschen, die Leben vernichtet oder zerstört haben, ist so zu begegnen, dass sie keine Festsetzung ihrer Schuld von außen bis an ihr Lebensende begleitet, sondern dass Wege zur Schulderkenntnis und Annahme und damit Wege zur Umkehr aufgezeigt werden. Die lebenslange Freiheitsstrafe z.B. verhindert diesen Prozess, weil sie in der Praxis Perspektiven zumauert und ein Denken behindert, dass die Rücksicht auf Schwäche und Schuldverfallenheit des Menschen als Ausdruck seiner Begrenztheit und als Wesensmerkmal seiner Existenz zulässt. In diesem Konflikt sind hier insbesondere die Seelsorger in den Justizvollzugsanstalten gefordert. Einen Spagat hinzubekommen, in der Möglichkeit Schuld zu vergeben und der Umkehr eines Straftäters den Weg zu bereiten. Diesen Geist trägt dann auch ein solcher Katholischer Gefängnisverein mit seinen Seelsorgern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern nach draußen, in dem dann Folgendes wirklich wahr wird, wenn Christen als Teil dieses Volkes im Namen des Volkes die Einlösung der entsprechenden Vaterunser-Bitte um Vergebung " ...wie auch wir vergeben unsern Schuldigern" nicht erst für den Himmel erwarten, sondern " ...wie im Himmel so auf Erden" deutlich machen; d.h. auch schon in der Behandlung derer, die durch schwerste Delikte Schuld auf sich geladen haben und auf Vergebung und Versöhnung angewiesen sind. Oft ist leider der Seelsorger der einzige, der in dieser Ausweglosigkeit angesprochen werden und die Schuld nehmen und vergeben kann.

Beides, Vergebung und Versöhnung, kann sich der Mensch nach christlichem Verständnis nicht verdienen, sie können nur geschenkt werden. Im Leben Jesu zeigt sich: Gott gewährte Vergebung und Versöhnung ohne Vorleistung, ohne Vorbedingung. Über die Größe der Schuld, die "Schuldschwere" im theologischen Sinn, steht keinem Menschen ein Urteil zu, weil keiner sich anmaßen kann zu beurteilen, wie groß im Einzelfall das Maß an Freiheit war und das Maß an Fremdbestimmung für das selbst im Einzelfall immer auch gesellschaftliche Strukturen und Machtverhältnisse Verantwortung tragen.

Die Vergebungsbereitschaft gegenüber dem Täter schmälert nicht die Solidarität mit dem Leid des Opfers. Das Leid des Opfers bedarf einer eigenen adäquaten Wertschätzung; das Leid des einen wiegt das Leid des anderen nicht auf. Leid ist unverrechenbar und unteilbar:

Ziel allen Strafens kann demnach nur sein, und darauf zielt auch die Arbeit und das Wirken des Katholischen Gefängnisvereins ab, innerhalb der Justiz, der Anstalt, Brücken nach außen zu schlagen und zu errichten: eine Gemeinschaft wieder herzustellen, die es sich nicht nur dejure, sondern defacto zur Aufgabe macht, das Maß an Fremdbestimmung auch für den gefangenen Menschen so niedrig wie möglich zu halten. Das Gegenteil ist in der Praxis der Fall. Die Einsicht in die eigene Schuld in einem moralischen und theologischen Sinn, wird durch die gegenwärtige Praxis der lebenslangen Freiheitsstrafe weitgehend verhindert. Sühne kann durch den Vollzug nicht erzwungen werden. Sie stellt vielmehr eine aktive sittliche Leistung dar, in dem der Schuldige sich seiner Schuld und ihrer Konsequenzen stellt.

Und so komme ich zu der Ausgangsfrage zurück: nach der Schuld im Blick auf die Entfaltung von Perspektiven für die Persönlichkeit in der Zukunft. Die adäquate Reaktion auf eine Straftat kann nicht das Zumessen von Strafe allein sein, die sich an der Schwere der Schuld orientiert. Es geht um die Befähigung des Täters zur Verantwortlichkeit, d.h. unsere Intervention darf nicht ihr Schwergewicht auf das kurieren der Defekte (Therapie) legen, sondern muss konsequent einsetzen beim Verstärken der positiven Anteile. Dies kann nicht in Isolation und Absonderung geschehen, sondern muss in einem Akt der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit erfolgen, die konfliktträchtig ist - nur so ist Beziehung wieder herzustellen, als oft schmerzhafter Prozess für alle Beteiligten.

Menschenwürdige Zustände herbeizuführen war das Ziel der Menschen, die sich im Katholischen Gefängnisverein zusammengeschlossen haben. Aus ihrem Glauben heraus versuchten sie, dem christlichen Menschenbild auch in den Gefängnissen Geltung zu verschaffen. Der Gefangene soll "befähigt" werden, "künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen". So steht es im Strafvollzugsgesetz. Das ist auch der Ansatz des Katholischen Gefängnisvereins in Düsseldorf: den Inhaftierten nicht als "unverbesserlichen Straftäter" zu sehen. Straffälligenhilfe wird hier als Lebenshilfe gesehen.

Wenn Sozialarbeit ihrem Selbstverständnis zur Folge Beziehungs- und Lebenshilfe für die Betroffenen sein soll, kann die Grundlage für ein Arbeitsbündnis nicht die Fremddiagnose, "die schuldhafte Normverletzung", "kriminell" oder "straffällig" sein. Vielmehr ist hier ein Ansatz zu wählen, der die Lebenssituation und Lebenslage der Betroffenen in all ihren Dimensionen berücksichtigt und wahrnimmt; wenn Sie so wollen, eine ganzheitliche und systemische Problemsicht gewährleistet. Darüber hinaus entbindet dies die Aufgabenwahrnehmung des Katholischen Gefängnisvereins und der Gefängnisseelsorger von der ausschließlichen Indienstnahme durch die Justiz. Nicht der Verfahrensablauf steht im Zentrum sozialarbeiterischen, seelsorgerischen Bemühens, sondern die konkreten Menschen. Diesen, und niemandem anders ist die Seelsorge, der Sozialarbeiter verpflichtet. Deren Lebenslagen und Problemsituationen stehen im Mittelpunkt.

Derzeit lässt sich eine massive Verschlechterung der Lebenslagen Straffälliger konstatieren, deren Ursachen sowohl im Abbau sozial politischer Maßnahmen bestehen, bedingt durch die Überbelegung in den Haftanstalten bis hin zu ganz konkreten Kürzungen der Freien Straffälligenhilfe im Justizhaushalt, die zukünftig alternative bzw. ergänzende, integrative, haftvermeidende und haftverkürzende Maßnahmen unmöglich machen. So reduziert sich zur Zeit einmal wieder die Aufgabenwahrnehmung der Justiz alleine auf das Abstrafen und Wegschließen von Straftätern und hat eine weitere Auffüllung der Haftanstalten zur Folge.

Der Straffällige bleibt jedoch immer Mensch, auch wenn die Tat noch so unmenschlich war. Darum verbietet sich die Reduzierung seiner Persönlichkeit auf die Rolle des Täters. Mit der Etikettierung beginnt die Stigmatisierung. Ein Mensch, eine Tat, eine Situation, tragen auf einmal das Kennzeichen des Absoluten. Ein Mensch wird festgelegt - da wird geredet vom Dieb, Betrüger, Räuber, Mörder. Als sei einer, der eine Tat begangen, sein Leben lang Täter, als sei diese Tat Eigenschaft seiner Persönlichkeit - ja, als sei seine wahre Persönlichkeit die des Täters - Täterschaft als Eigenschaft - wesenhaft, dauerhaft.

Um diesen Tätermensch aus seiner eigenen eingeschränkten Wahrnehmung als solcher wieder als geachteten Menschen heraustreten zu lassen, bedarf es der Seelsorge, der vorbehaltlosen, nicht naiv verstandenen Ansprache und Wegbegleitung. Dies hat im Sinne des Behandlungsvollzuges bereits mit Haftantritt zu beginnen, ist jedoch in überfüllten Haftanstalten kaum umzusetzen. Die Befähigung künftig ein Leben ohne Straftaten führen zu können, braucht oft Zeit, Einsichten und Erkenntnisse. Hierfür steht der Katholische Gefängnisverein in Düsseldorf mit all seinem Engagement, seinen Seelsorgern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Er ist für die Justiz und die hiesige Anstalt nicht das soziale Alibi, aber ein nicht zu gering schätzender authentischer Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung des sozialen Klimas innerhalb einer Haftanstalt und des Miteinanders aller Beschäftigten im Justizalltag. Und es sind Menschen, die von draußen nach drinnen in die Haftanstalt hineinkommen, unbezahlt im Geiste des Evangeliums "ich war im Gefängnis und ihr seit zu mir gekommen". Im Katholischen Gefängnisverein in Düsseldorf haben sich so nach außen hin sichtbar Gefängnisseelsorger und engagierte Bürgerinnen und Bürger vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes zusammengefunden. Gerade das ehrenamtliche Engagement in der Straffälligenhilfe hebt sich aufgrund der Vielschichtigkeit des Ausgegrenztseins der Straftäter, Gefangenen und ihre Angehörigen in besonderer Weise von anderen ehrenamtlichen Tätigkeiten ab. Es ist immer ein Stück "gegen den Strom schwimmen". Wie auch immer motiviert, ob aus einer christlichen oder humanistischen Weltanschauung heraus, ist der ehrenamtlich Engagierte in der Straffälligenhilfe ein hoffnungsfrohes Zeichen gegen das ausschließliche gesellschaftliche Strafen und Sanktionieren. Der und die ehrenamtliche Helfer/in sieht den Mitmenschen, ist mitmenschlich. Insofern haftete den ehrenamtlich Engagierten in der Straffälligenhilfe schon immer etwas Exotisches an. Bei der Arbeit des Katholischen Gefängnisvereins in Düsseldorf geht es somit nicht um ein Ehrenamt im traditionellen Sinne, sondern um bürgerschaftliches Engagement mit entscheidender gesellschaftlicher Bedeutung - und zwar nicht als Ausfallbürge rückläufiger finanzieller Ressourcen für professionelle Fachkräfte; gerade in Zeiten einer verbreiteten Politikverdrossenheit, ist ein solches Engagement ein unschätzbarer Beitrag zur Aufrechterhaltung einer demokratischen Gesellschaft. Derartiges bürgerschaftliches Engagement versucht den Gegenpol zur Konsum- und Konkurrenzorientierung zu bilden und Ausgrenzungen zu beseitigen. Außerdem kann durch nichts anderes der Gedanke einer sozialen Strafrechtspflege besser im Bewusstsein der Bürger verankert werden, als durch die Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern in die Arbeit der Straffälligenhilfe. Hierbei ist die Rolle des Katholischen Gefängnisvereins zum bürgerschaftlichen Engagement der Mitarbeit von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern im Besonderen zu bedenken. Der Katholische Gefängnisverein bietet den äußeren Rahmen, in dem sich bürgerschaftliches Engagement selbst entfalten kann. Sie müssen außerdem ein gewisses Netzwerk an Verbindungen über das eigene Arbeitsfeld hinaus aufbauen, unterhalten und diesem bürgerschaftlichen Engagement dienstbar machen können.

In der Öffentlichkeit wird Straffälligenhilfe häufig als etwas Widersprüchliches empfunden. "Wie? Straffälligen auch noch helfen, die sind doch selbst Schuld, sollen sehen, wie sie klar kommen".

Wegschließen, aus den Augen, aus dem Sinn, sind dabei noch die humaneren Ausprägungen weit verbreiteter Stammtischparolen. Eine landesweite Veranstaltung zur ehrenamtlichen Arbeit war provokant überschrieben mit "Freiwillig in den Knast, verrückt oder was". Dem ist ganz eindeutig entgegen zu halten, die Hilfe für Straffällige, die Arbeit mit dem Täter ist nicht nur eine einseitige Hilfe, kommt nicht nur ihm allein zugute, sie ist auch gleichzeitig eine Aufgabe, die der Allgemeinheit zugute kommt. Denn wirkungsvolle Täterarbeit ist ein wichtiger Beitrag zum Opferschutz.

Überfüllte Gefängnisse, überfordertes Personal, mehrfach belastete problematische Gefangene, Kriminalitäts- und, Angsthysterie in der Bevölkerung - nicht zuletzt geschürt von einer wenig sachlichen, eher auf Effekthascherei ausgerichteten Medienberichterstattung sich ständig schwieriger gestaltende Bedingungen sowohl während der Haft, als auch für die Wiedereingliederung nach der Haft - auch aufgrund schlechterer Chancen auf dem Arbeitsmarkt - machen es unentbehrlich, den sozial- und kriminalpolitischen Herausforderungen in gemeinsamer Kooperation zwischen Justiz und Wohlfahrtspflege zu begegnen.

Da, wo die staatlichen Dienste der Justiz mit ihren Mitteln und Möglichkeiten bei der Bewältigung der komplexen Problematik an ihre Grenzen stoßen, können sie sich auf das Know-How und die Ressourcen der Freien Wohlfahrtspflege als verantwortungsbewusste, -volle Partner verlassen, im hauptamtlichen wie im ehrenamtlichen Bereich.

Alle bislang durch das Justizministerium geförderten Projekte der Freien Straffälligenhilfe, Beratungsstellen, gemeinnützige Arbeit, Täter-Opfer-Ausgleich, die Behandlung von Sexualstraftätern, wie z. B. die Förderung der ehrenamtlichen Mitarbeit hier beim Katholischen Gefängnisverein in Düsseldorf, können eine erfolgreiche Arbeit vorweisen und tragen durch ihr Hilfepotenzial nachgewiesener Maßen zu Entlastung der Justiz bei. Dies muss auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass die Freie Wohlfahrtspflege - so auch der Katholische Gefängnisverein Düsseldorf - für diese Projekte erhebliche Eigenmittel aufbringt bzw. Spendenmittel einwirbt. Sie leisten darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur inneren Sicherheit, in dem Sie z. B. durch Ihr Engagement in der Arbeit mit Tätern für eine Reduzierung von Rückfällen sorgen und somit künftige potenzielle Opfer von Straftaten schützt. Noch im August 1999 schrieb das Justizministerium des Landes NW im Rahmen einer "Begründung für eine Weiterführung dieser Fördermaßnahmen", dass alle geförderten Projekte einen unverzichtbaren Bestandteil der Resozialisierung und damit einen Beitrag zur inneren Sicherheit für das Land Nordrhein Westfalen darstellen. Zudem entlasten die Fördermaßnahmen Gerichte und Haftanstalten und haben somit einen deutlichen kostensparenden Effekt für den Justizhaushalt.

Gleichzeitig erschließt sich die Justiz durch diese Finanzierung der Freien Träger im Bereich der Freien Wohlfahrtspflege, sämtliche Ressourcen und darüber hinaus zum Teil existenziell notwendige Hilfeangebote der Freien Wohlfahrtspflege für Straftäter, Opfer und ihre Angehörigen: Beispielhaft seien nur die Wohnungshilfe, Einrichtungen gemäß 72 BSHG, die Suchtkranken- und Drogenhilfe, die Schuldnerberatung, Erziehungsberatung, Ehe-, Lebens- und Familienberatung und vieles mehr genannt.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die vielen Ehrenamtlichen in der Freien Straffälligenhilfe können jedoch ihre verantwortungsvolle Aufgabe nur dann in der gewohnt qualifizierten Weise, wie bisher weiter leisten, wenn eine entsprechend solide Finanzierung langfristig gesichert ist. Einer vom Justizministerium NW eingerichtete Arbeitsgruppe "Integrierte Kriminalpolitik" stellt in einer Empfehlung im Abschlussbericht im März 1998 folgendes fest: "Für eine wirkungsvolle Kooperation und Koordination aller beteiligten Stellen, ist Planungssicherheit notwendig. Dies setzt u.a. personelle Kontinuität sowie verlässlich und kontinuierlich vorhandene Einrichtungen und Hilfen auf Seiten der Freien Träger voraus. Insofern ist für die Erreichung vernetzter Hilfen vor Ort auch eine kontinuierliche finanzielle Unterstützung der Freien Straffälligenhilfe erforderlich."

Es ist daher unverantwortlich, trotz angespannter Haushaltslage, an dieser Stelle zu kürzen bzw. sogar zu streichen. Nachweislich sind Kürzungen in diesen Bereichen der Freien Wohlfahrtspflege, insbesondere im Bereich der Freien Straffälligenhilfe eine Gefährdung der inneren Sicherheit. Dieser Schuss wird - um im Bilde zu bleiben - nach hinten los gehen und wird Bürgerinnen und Bürger unseres Landes unvermittelt treffen.

Mit der Aufforderung an unsere politischen Entscheidungsträger, in ihrem Bemühen um die Absicherung dieser schwierigen, aber gesellschaftlich unverzichtbaren Aufgabenstellung trotz angespannter Haushaltslage nicht nachzulassen, verbinde ich meinen herzlichen Dank für die bisher geleistete Arbeit und Unterstützung. Mein Dank und meine Anerkennung gelten dem Katholischen Gefängnisverein, ihren Seelsorgern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern und auch allen Gönnern und Unterstützern dieser so wertvollen Arbeit für die Menschen, die ein Randdasein in unserer Gesellschaft fristen. Vielen Dank für Ihre Bemühungen, diesen Menschen einen Platz in unserer Mitte nicht nur zuzutrauen, sondern sie aktiv auf ihrem Weg dorthin zu unterstützen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Quellenverzeichnis:

Peter Moll, Dr. Richard Reindl

Fachtagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe, Alternativen im Umgang mit Straffälligen, Kriminalitätsverarbeitung durch die Sozialarbeit - Konsequenzen für einen alternativen Umgang mit Straffälligen", 1993

Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft Straffälligenhilfe / Bundeskonferenz der katholischen SeelsorgerInnen bei den Justizvollzugsanstalten in Deutschland .Die lebenslange Freiheitsstrafe ist abzuschaffen", 1994

Abschlussbericht der Arbeitsgruppe Integrierte Kriminalpolitik' des Justizministeriums NW 1998

Bericht des Justizministeriums NW zur "Begründung für eine Weiterführung der Fördermaßnahmen" im Bereich der Freien Straffälligenhilfe, 1999

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