110 Jahre Justizvollzugsanstalt Düsseldorf -
110 Jahre Kath. Gefängnisverein Düsseldorf

Grußworte zum 110-jährigen Bestehen

Christian Kempe, Leiter der JVA Düsseldorf

An den Strafvollzug - als Teil staatlicher Exekutive - richten sich die widersprüchlichsten Erwartungen: er soll generalpräventiv wirken, zugleich aber auch den Straftäter bessern. Er soll das Produkt Sicherheit schaffen und zugleich "den allgemeinen Lebensverhältnissen" soweit als möglich angeglichen sein. Der Straftäter wird räumlich aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Diese Ausgrenzung soll indes zum Ziel haben, ihn in die Gesellschaft wieder zu reintegrieren.

Diese Widersprüche spiegeln sich in dem Wechsel zwischen Hoffnung und Frustration bei allen Beteiligten, denn die faktische Durchführung des Vollzuges stellte und stellt das Erreichen dieser divergierenden Ziele häufig genug in Frage. Hier setzten Christen mit ihrer Kritik und ihren Reformbemühungen bereits im vorletzten Jahrhundert an und zwar in der Form der Entlassungsfürsorge, denn diese Fürsorge überließ der Staat ganz der Gesellschaft. Eine Aufgabe, die zunächst allein von den Kirchen wahrgenommen wurde und der sich auch heute noch die Kirchen segensreich widmen, auch wenn sich zwischenzeitlich in der Praxis des Vollzuges der Gedanke durchgesetzt hat, dass sich Resozialisierung allein durch Freiheitsentzug eben nicht bewirken lässt. Deshalb gibt es zwar die Gerichtshilfe, die Bewährungshilfe, die Jugendhilfe, die alle vom Staat bezahlt werden und in dem von ihm gesetzten Grenzen arbeiten.

Daneben erheben aber auch die Vertreter der freien Wohlfahrtsverbände, der Kirchen, der Gefängnisvereine u.a. den Anspruch Hilfe anbieten zu wollen und zu können. Allerdings wird es mit dem stetigen Verfall staatlicher finanzieller Ressourcen immer schwieriger und undankbarer diese Arbeit zu leisten. Alle nämlich erwarten etwas von der Straffälligenhilfe: die Strafentlassenen hoffen auf individuelle Zuwendung und möglichst ständige Hilfsbereitschaft.

Behörden und Öffentlichkeit, wozu nicht zuletzt über die Mittelzuweisung die Politik gehört, pochen auf Effektivität und Effizienz im Rahmen von Kosten - Nutzenrechnungen. Gleichzeitig wird das gesellschaftliche Klima kälter. Vor allem in städtischen Ballungsräumen nimmt die Vereinzelung und damit der Hilfebedarf für die durch die Inhaftierung aus dem sozialen Netz gefallenen Straftäter zu.

Die Straffälligenhilfe gerät zunehmend in einen Konflikt zwischen ihrem Anspruch Hilfe zu leisten und finanzieller sowie organisatorischer Wirklichkeit. Ihr muss demnach ein Handlungsraum belassen werden, der ihr Selbständigkeit und Gewicht neben jenen Organisationen des Staates verleiht, die auf andere Weise am selben Ziel arbeiten.

Symptomatisch für die Befürchtung Handlungsräume könnten eingeschränkt werden, war daher die Frage eines Mitarbeiters des Katholischen Gefängnisvereins, ob im Falle eines Neubaus der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf der Verein mit werde umziehen können.

Die Antwort: Straffälligenhilfe, die von freien Verbänden geleistet werde, dürfe von der Behörde nicht als Konkurrenz oder gar als Opposition zu den staatlichen Institutionen verstanden und ausgegliedert werden. Straffälligenhelfer dürften sich nicht als Handlanger oder Lückenbüßer verstehen und verschleißen lassen; sie müssen Partner des Vollzuges sein und zukünftig auch bleiben. Denn nur eine gute Zusammenarbeit kann Erfolge in der Resozialisierung bringen. Und im Unterschied zu den staatlichen Institutionen kann die Straffälligenhilfe auch mit größerer Flexibilität und Freiheit Experimente wagen und sich damit sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen anpassen. Die Notwendigkeit solcher Experimente ist durch die Geschichte der Straffälligenhilfe belegt.

So widersprüchlich es auch scheinen mag, die Strafe gibt der Straffälligenhilfe auch die Möglichkeit das Tor zur Versöhnung für die von ihr Betreuten mit der Gesellschaft zu öffnen. Es wäre im Sinne der Humanität und im Sinne des gestrauchelten Mitbürgers höchst untunlich ihr den Schlüssel dazu künftig aus den Händen zu winden.

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