Begleiten Sie Erwin Lindemann durch seine Haftzeit - und was ihm in Sachen Geld so alles dabei passiert  
 
Unser Schwerpunktthema: Geld
Geld im „Knast”? Alles dreht sich ums liebe Geld - jedenfalls „draußen” im „normalen” Leben. Für inhaftierte Menschen sollte Geld eigentlich kein Thema sein: für Unterkunft und Verpflegung sorgt die JVA und auch die medizinische Versorgung geht auf Staatskosten. Also: null Probleme? Von wegen! Bargeld gibt´s im Knast (jedenfalls offiziell) nicht; und dennoch dreht sich hinter Gittern alles ums Geld. Auch hier gilt: Geld macht nicht glücklich - aber es beruhigt ungemein.   
Wie funktioniert das mit Einkauf, Anwaltshonoraren, Unterstützung der Familie, Opferentschädigung, Gerichtskosten - wenn einer weder Bargeld hat, noch mal eben zur Bank gehen kann? Was sind die Tauschwährungen im Knast? Und was versteckt sich in der bargeldlosen Gitterwelt hinter allgegenwärtigen Begriffen wie „Eigengeld” und „Hausgeld”   
 
Erwin Lindemann und das liebe Geld 
Von Maximus Pontifex und Wolfgang Sieffert OP 

 Er hatte nie damit gerechnet, aber einmal passiert es dann doch: Erwin Lindemann fährt ein! Noch nie im Leben hat er eine solche Erfahrung machen müssen. Immer war er der Könner, der Macher gewesen. Und er war derjenige, der das Geld nach Hause gebracht hat, und das gar nicht mal so schlecht! Es hatte immer gereicht, auch für Extravaganzen. Immer und zu jeder Zeit hatte er alles im Griff, und jetzt das!

 
Im Knast - und was jetzt?  
Unruhig rutscht er auf seinem Stuhl hin und her. Immer dachte Erwin: diese verflixten Steuerfahnder, die können doch mir nicht das Wasser reichen. Jetzt muss er den Wasserhahn selbst aufdrehen, wenn was laufen soll. Egal, auch das wird er überstehen, die Anwälte werden es schon richten, hoffentlich bald. Klar, solange Geld da ist, und das zielgerecht eingesetzt wird, ist alles kein Problem. Geld, tja ...
  
 
Mein Geld ist mein Geld? „Was haben Sie an Geld dabei?”, fragt der Kammerbeamte der JVA unseren Erwin, reißt ihn aus seinen Gedanken. Was für eine unverschämte Frage, denkt der; was geht dich das an, und überhaupt: was du im Monat verdienst, habe ich draußen bei einem guten Zug um die Häuser in einer Nacht ausgegeben. „Also, wir haben hier DM 558,- in bar und Kreditkarten. Wollen Sie sich am Automaten noch Zigaretten ziehen?” „Na klar.”, sagt Erwin und denkt sich: den Rest werde ich so ausgeben, wie und wann ich das will, du Nervensäge. „Das Geld zahlen wir auf Ihr Konto ein, Verbuchung unter Eigengeld, alles klar?”
 
„Was für ein Konto, bei welcher Bank und wer zahlt mein Geld als Eigengeld ein? Was ist hier eigentlich los?” 

Wo ist meine Kohle? 
Keine Antwort. Der Kammerchef sagt: „Fertig. Der Nächste!", und schiebt Erwin aus dem Kammer genannten Raum. Zwei Schachteln Zigaretten in der Hand und keine Koh-le mehr! Ein Langhaariger haut ihn an: „Haste mal ´ne Aktive?”, und schielt auf seine Packung Zigaretten. 

  Zum Seitenanfang
Was ist das bloß für ein Scheiß-Laden hier, denkt sich Erwin, der noch nie so abgebrannt und hilflos war, wie in diesem Moment. 
Verfolgen wir seinen Weg und den Weg seines Geldes bis zur Entlassung, so entdecken wir ein wahres Labyrinth von Verordnungen. Und: der Amtsschimmel wiehert in jedem nur möglichen Augenblick und zwinkert uns aus der Ecke zu. 

Fast wie bei einer Bank: Einzahlung bei Inhaftierung 
Bei Inhaftierung oder Strafantritt wird dem Gefangenen alles Bargeld abgenommen. Je nach Laune der Kammer, kann er dann eben noch Tabak ziehen - oder auch nicht. Den Bargeldbestand bucht die Zahlstelle auf das Konto der JVA. Diese Konten befinden sich überwiegend bei der Postbank. Einige Tage später bekommt der Gefangene einen Knast-Kontoauszug, auf dem sein Guthaben erkenntlich ist. Bei Untersuchungsgefangenen werden ausnahmslos alle Bewegungen unter der Position Eigengeld gebucht. Bei Strafgefangenen werden Geldeingänge nach einem bestimmten Schlüssel auf 3 Positionen verteilt: Eigengeld, Hausgeld und Überbrückungsgeld.  
Erwin L. hat somit DM 558,- abzüglich Tabakeinkauf auf Eigengeld stehen, da er Untersuchungsgefangener ist. 

„Ich bin Untersuchungsgefangener mit Eigengeld!“  
Jeder U-Gefangene kann, solange er als solcher geführt wird, alle nötigen Ausgaben im Knast ( Briefmarken, Elektrogeräte, Einkauf, Telefon usw.) vom Eigengeld bestreiten. Für die Kosten spezieller Einkäufe und – falls Telefongespräche erlaubt werden – von Telefonaten ist vorher ein Antrag zu stellen. Für den  regulären Einkauf beim Kaufmann der Anstalt können U-Gefangene je nach Anstalt bis zu einem festgelegten Höchstbetrag einkaufen. In der hiesigen Anstalt sind es monatlich DM 350,-, in Köln sind es monatlich DM 360,- und in Niedersachsen sind es z.B. monatlich DM 600,-. Es gibt also deutliche Unterschiede. Wie alle anderen Gefangenen erhält Erwin Lindemann in unserer JVA von der Zahlstelle automatisch einen Tag vor dem Einkaufstag einen Ausdruck mit dem aktuellen Kontostand. Das ist in anderen Anstalten möglicherweise  anders geregelt. 
Erwin erfährt auch, dass Untersuchungsgefangene, die arbeiten, den vollen Arbeitslohn unter Beachtung der anstaltsinternen Höchstgrenzen zum Einkauf nutzen können. 
Selbstverständlich kann sich der U-Häftling von draußen Geld in theoretisch unbegrenzter Höhe auf „sein Konto” einzahlen lassen. Das eingezahlte Geld wird auf sein Eigengeld gebucht und kann dann entsprechend den Vorschriften ausgegeben werden.

 
Sozialhilfe im Knast? Schön für Erwin! Er kann einkaufen, so lange er sein eingebrachtes Geld noch nicht verbraucht hat. Was aber macht sein Zellengenosse? Der hat nämlich keinen Pfennig und ist ebenfalls U-Gefangner. Von einem hilfsbereiten Abteilungsbeamten lässt Erwin sich aufklären. Im Gegensatz zu Strafgefangenen können U-Gefangene Sozialhilfe (als eine Art Taschengeld für das, was der Knast nicht bereitstellt) beantragen. Antragsformulare sind beim Abteilungsbeamten erhältlich und mit diesem zusammen auszufüllen.
 
Erwins Zellenkollege hat nach etwa drei Wochen einen positiven Bescheid des Düsseldorfer Sozialamtes, denn in Düsseldorf war er zuletzt gemeldet. „Sie müssen jetzt monatlich einen Folgeantrag stellen. Aber dann geht es schneller!”, klärt der Abteilungsbeamte auf. „Im Übrigen gibt es das Geld vom Sozialamt immer rückwirkend und nur, solange Ihnen keiner von draußen Geld einzahlt. Sonst gelten Sie nicht als bedürftig!” „Wie viel macht das eigentlich, die Sozialhilfe?”, fragt Erwin seinen Kollegen später. „Na, gerade mal so 70, 80 Märker im Monat.”, gibt der zur Antwort. „Aber immer noch besser als Null Kaffee und Null Tabak.”  
Einkaufen kann der mittellose Gefangene erst, wenn das Geld des Sozialamtes spätestens zwei Tage vor Einkauf auf seinem Konto im Knast gutgeschrieben ist. 

„Eingefrorenes Eigengeld”  
Bei einem anderen Kollegen, mit dem er gerne auf dem Hof während der täglichen Freistunde redet, lernt Erwin: Vorsicht mit viel Eigengeld, wenn nach einer Verurteilung der Übergang in Strafhaft naht. Bei seinem Kumpel wurde zum Stichtag des geänderten Status das vorhandene Eigengeldguthaben des bisherigen U-Häftlings als Eigengeld Strafhaft quasi eingefroren. Denn der Strafgefangene kann - im Gegensatz zum U-Gefangenen - über das Eigengeld nicht mehr oder jedenfalls nur sehr, sehr eingeschränkt verfügen. 

Eigengeld: von Strafgefangenen kaum zu verwenden!  

„Strafer“ können mit ihrem Eigengeld, immer nur nach Bewilligung eines besonderen Antrags, z.B. einen Unterstützungsbetrag an ihre Familie draußen überweisen lassen, oder ein Elektrogerät (z.B. TV) kaufen. Dem Antrag auf Kauf eines Fernsehgerätes vom Eigengeld wür-de einem Strafgefangenen aber wohl nur dann genehmigt werden, wenn das alte Gerät kaputt ist. In der hiesi-gen JVA, der Ulmer Höh’, ist dazu ein spezieller Radio-TV-Bestell-dienst eingerichtet, der die gewünschten Geräte von draußen besorgt. Auch sind in Einzelfällen Bestellungen von Versandhäusern möglich, sofern die Artikel genehmigt sind, und die Lieferung nicht per Nachname erfolgt, weil Nachnahmesendungen in den Knast nicht möglich sind. 

  Zum Seitenanfang
Zahlungen an Opfer werden meist erlaubt  

Auch hier gilt natürlich: „Ohne Moos nix los.“ Wer aber Eigengeld hat, wird von der Anstalt wohl immer die Genehmigung erhalten, darüber für Zahlungen im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs oder für eine Schmerzensgeldzahlung. Solche „Wiedergutmachungen” oder Entschädigungen sind einerseits wesentlich für die Opfer, andererseits aber auch für das Selbstgefühl des inhaftierten Täters und seine Resozialisierung.

 
Erwin Lindemann könnte z.B. auch etwas für seine Chancen auf vorzeitige Entlassung tun, wenn er Wiedergutmachung an Geschädigte zahlen würde. Ein Kumpel auf seiner Abteilung dagegen zahlt Schmerzensgeld an einen, den er verprügelt hat ... So sinnvoll diese Zahlungen sind, so fatal ist es, wenn ein Strafgefangener bei den aktuellen Löhnen von monatlich rund DM 250, meist gar nicht in der Lage ist, Opfer oder Familie nennenswert zu unterstützen. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist der Forderung des Bundesverfassungsgerichtes vehement zuzustimmen, dass Gefangenenarbeit sich lohnen muss! Eventuell kann vom Eigengeld auch eine teilweise Schuldentilgung vorgenommen werden, eine Ersatzfreiheitsstrafe (Geldstrafe) gezahlt werden. 
Besondere Bedeutung kommt dem Eigengeld dann zu, wenn ein Strafgefangener ohne eigenes Verschulden arbeitslos ist und beantragt Einkauf vom Eigengeld. Der zu genehmigende Satz ist dann je nach Bundesland in der BRD unterschiedlich, in NRW beträgt der Satz z.Zt. DM 64,50 pro Monat. Dieser Betrag wird dann vom Eigengeld für den „Sozialeinkauf” freigegeben. 

Kein Eigengeld?  
Hat ein Strafgefangener kein Eigengeld und ist er unverschuldet oh-ne Arbeit, so kann er Taschengeld beantragen. Dieser Satz ist in der BRD je nach Bundesland unterschiedlich und beträgt etwas mehr als DM 50.- pro Monat.  
Lässt sich ein Strafgefangener von draußen Geld einzahlen, wird das bei ihm immer auf Eigengeld gebucht, was eben den vorgenannten Beschränkungen unterliegt. Dies macht also nur selten Sinn. 

Erwin rechnet und denkt  
Erwin Lindemann sitzt bei seinem kargen Frühstück und versteht nur noch Bahnhof. „So eine Buchhaltung habe ich noch nie erlebt, hier weiß doch keiner was los ist, am allerwenigsten ich!” Seit einigen Tagen versucht Erwin sich diese Spezifikationen einzuprägen: Eigengeld, Einkaufshöchstgrenze... Er denkt an seine DM 550,-, und wie lange er damit auskommen kann. Der nächste Einkauf naht, und von draußen hat er noch nichts gehört. Na ja, jedenfalls reicht sein Geld fast für die 2 Monate, denkt er. Wenn er sparsam ist. Im Hinterkopf hat er aber noch die alte Bewährungsstrafe von damals. 6 Monate sind nicht viel, waren schon fast vergessen. Jetzt sind sie wieder brandaktuell. 

Hoffentlich kommt kein Bewährungswiderruf!  
Wenn ein Bewährungswiderruf erfolgt, geht Erwin von einem Tag auf den anderen von U- in Strafhaft. Dann ist das Eigengeld erst mal nicht mehr zu brauchen und mit dem Einkauf ist es aus! Sein Anwalt muss unbedingt her, muss das klären! Seinen Anwalt darf Erwin ja anrufen: hoffentlich lässt ihn bald ein Beamter ans Telefon. 

 Zum Seitenanfang
Erwin sucht Arbeit  
„Wollen Sie arbeiten?”, fragt ein paar Tage später der Arbeitsinspektor und mustert Erwin wie eine Ware auf dem Sklavenmarkt im alten  New Orleans. „Was haben Sie denn für mich?”, fragt Erwin, und denkt an ein eingerichtetes Büro mit PC, Internet-Anschluss und einer netten Sekretärin. „Ich habe was in der Hofkolonne (Fegen), oder bei den Malern (Anstreichen).“ Erwin ist geschockt. „Und was wäre der Verdienst?”, fragt Erwin.
 
„So um die DM 200.- bis DM 220.- im Monat.“ „Aber Sie können sich das ja noch mal überlegen, als U-Häftling brauchen Sie ja nicht zu arbeiten.“ Erwin verlässt das Büro. Ihm ist schlecht. 200 Mark: diesen Monatsverdient hat er früher fast für eine Tankfüllung seines dicken Daimlers gebraucht. Er schleppt sich zu seiner Zelle, legt sich hin und fällt in einen unruhigen Schlaf. Alpträume verfolgen ihn. Am nächsten Tag nimmt er das Angebot an und weiß fortan mit geänderten Maßstäben umzugehen. 

Lohn wird zu „Haus-“ und „Überbrückungsgeld“ 
Während Erwins kompletter Lohn auf Eigengeld gebucht wird, bekommt der Strafer von nebenan seinen Arbeitslohn zu etwa zwei Dritteln unter dem Titel „Hausgeld“ gebucht. Das gesamte Hausgeld kann der Gefangene für seinen Einkauf benutzen. Das restliche Drittel des Lohnes wird auf „Überbrückungsgeld“ gebucht und bleibt dort bis zur Entlassung. Überbrückungsgeld ist vor eventuellen Pfändungen geschützt, nicht pfändbar, Der Besitzer kann aber während der Haftzeit auch selbst nicht daran. Erst bei der Entlassung wird ihm das Überbrückungsgeld übergeben. Es gibt eine einzige gesetzlich geregelte Ausnahme (StVollzG, §51, Abs. 3): Förderung der Wiedereingliederung vor der Entlassung. Gemäß der familiären Situation wird die Höhe des anzusparenden Überbrückungsgeldes festgelegt, bei einem Ledigen z.B. derzeit ca. DM 1.100,-, bei Verheirateten mit 2 Kindern DM 2.250,-. Bei längerer Haft kann es durchaus vorkommen, dass das „Überbrückungsgeld-Soll” voll ist. Dann kann der Gefangene entscheiden, ob er zusätzliches Überbrückungsgeld ansparen will, oder den Betrag auf Hausgeld, also für seinen Einkauf, aufbuchen lässt. 
Nach einem abgeschlossenen Monat bekommt der Gefangene eine Arbeitsabrechnung, in der auch Krankheitstage und Fehltage (Transport/Termin/Gericht) berücksichtigt sind. In unserer Anstalt ist sichergestellt, dass diese Abrechnung in den ersten Tagen des Folgemonats vorliegt und kontrolliert werden kann. Es schleichen sich immer wieder Fehler ein, trotz der verschwindend geringen Beträge! Erst nachdem die erste Abrechnung vorliegt, kann der Gefangene dann beim darauf folgenden Haupteinkauf einkaufen - wenn alles klappt. 


Fazit: Der arbeitende Strafgefangene muss Überbrückungsgeld ansparen, kann an sein Eigengeld nicht heran und muss mit rund 2/3 seines Arbeitseinkommens, dem Hausgeld, für seinen Einkauf zurechtkommen!  

Bargeld im Knast? 
Das gibt´s doch gar nicht!? 
Am nächsten Tag wird Erwin in der Freistunde eine Uhr zum Kauf angeboten. „Haste Bares?“, fragt ihn der Junge. „Wieso Bargeld?“, fragt Erwin. „Das ist doch auf meinem Konto!” Verdutzt schaut ihn der Jun-ge an, packt seine Uhr wieder ein und sagt: „Vergiss es”. Was sollte das denn, fragt sich Erwin. Bargeld im Knast? Wie das denn, das ist doch verboten! 
Erwin informiert sich bei einem Hafterfahrenen und erfährt: grundsätzlich ist der Besitz von Bargeld im Knast verboten. Es gibt zwar einige Anstalten, im Norden der BRD, die reglementiertes Bargeld im Knast er-lauben. Überall sonst ist Bargeld strengstens verboten. Trotzdem – o-der deswegen? – hat sich Bargeld zu einer besonders wichtigen Währung im Knast entwickelt. In die Anstalt kommt es versteckt in Paketen, ein-genäht in gewaschener Wäsche und beim Besuch. Das vorhandene Bar-geld wird im Knast zum Doppelten seines Wertes gehandelt und vorwie-gend zum Kauf und zum Handel mit Drogen verwendet, denn die Dealer wollen sich nicht mit Tabak oder Kaffee, den sonst üblichen Zah-lungsmitteln, abgeben, die ja zugegebenermaßen auch nicht leicht rauszuschmuggeln und draußen gegen Drogen eintauschbar sind. Auch Schmuck wird meist nur gegen Bargeld verkauft. So läuft das. Aber woher sollte Erwin Lindemann das wissen?  

Bomben und Koffer: die üblichen Zahlungsmittel 
Die ansonsten gängigen Zahlungsmittel sind: Päckchen Tabak („Koffer“ genannt) und Gläser löslichen Kaffees („Bomben“). Diese Zahlungsmittel werden etwa 1:1 zum Einkaufswert gerechnet und sind für so ziemlich alle Geschäfte problemlos zu benutzen. 
„Alles unglaublich, aber wahr.”, erkennt Erwin und muss sich eingestehen, dass er vom coolen Geschäftsmann zu einem völlig Ahnungslosen abgemustert hat. Und noch warten weitere neue Erfahrungen auf unseren Finanzprofi! 

 Zum Seitenanfang
Pfändung? Im Knast?  
„Lindemann, zur Geschäftstelle. Gerichtsvollzieher ist da!”, brüllt der Beamte über die Station. Scheiße! Was soll denn das nun wieder? Wer will denn nun schon wieder was von mir? Erwin bewegt sich nach vorne und steht dann dem allseits bekannten Kuckuckskleber gegenüber. „Unterhaltsforderung Ihrer geschiedenen Frau. Titel vom .... bla, bla, bla. Können Sie zahlen?” „Ich habe gerade erst Arbeit und noch keinen Lohn erhalten.”
 
„Sie haben aber freies Eigengeld auf Ihrem Konto, davon nehmen wir mal á conto DM 350,-. Unterschreiben Sie hier.” Scheiße! Einkauf - und tschüss! Nicht aufgepasst, Erwin! Früher wäre dir so was nicht passiert! 

Erwins Anwalt will Geld 
Erwin Lindemann ist jetzt schon 3 Monate im Bau und hat sich mehr recht als schlecht mit der Inhaftierung im Allgemeinen und den Finanzen im Besonderen zurecht gefunden. Er hat Arbeit bei den Malern, einige Bekanntschaften geschlossen, keinen Besuch und nur sehr spärlich Post von seiner Mutter erhalten. Sein Anwalt kommt öfter und sülzt ihm vor: „Alles kein Problem, das kriegen wir schon hin, ich schreibe mal, und werde dem auf die Füße treten, dann müssten Sie eigentlich bald raus sein. Apropos, haben Sie eine weitere Teilzahlung angewiesen?”  
Das geht nun schon seit einigen Wochen so, aber es passiert nichts. Na ja, es haben mich eben alle vergessen, besonders die guten Freunde – und die kleine blonde Maus eben auch, sinniert Erwin.

 
Ohne Arbeit und mit der Pfändung von der Ex, wäre Erwin mit den DM 550.- also nicht weit gekommen. Mit Arbeit geht es dann, und es reicht für die notwendigsten Dinge. Früher alles undenkbar, aber jetzt sind schon ein Pack Tabak oder eine Bombe Kaffee von fast unschätzbarem Wert. Diese Erfahrungen könnten draußen durchaus mal Verwendung finden. Erwin lernt jedenfalls, sich kleinster Werte bewusst zu werden. 
 
Fängt das schon wieder an? 
Nach 4 Monaten kommt der befürchtete Bewährungswiderruf für die alte Strafe von 6 Monaten, und Erwin wird in eine andere JVA verlegt, die für die Durchführung einer „Kurzstrafe“ zuständig ist. Na, dann kaufe ich dort von dem Rest meines Geldes ein, denkt sich Erwin. In dem neuen Knast ist alles anders, neue Leute, keine Arbeit und Beamte, die anders drauf sind. 
Nach 2 Wochen mault Erwin den Stationsbeamten an: „Übermorgen ist Einkauf und mein Geld ist immer noch nicht hier!“  
 Zum Seitenanfang
„Ich bin doch nicht ihre Bank, da müssen Sie eben warten.”, bellt der zurück. Den nächsten Einkauf kann ich also vergessen, denkt Erwin. Und wie es nicht anders zu erwarten war, kommt der Buchungsbeleg genau einen Tag nach dem Einkauf. Bis zum nächsten Einkauf sind es noch vier Wochen. Arbeit? Keine Chance, teilt der Arbeitsinspektor mit. Erwins Vorräte gehen zur Neige. Was tun? 

Schulden im Knast bringen große Probleme 
Erwin versucht, über seinen Zellenkumpel an einen Kredit zu kommen. Ein risikoreiches Unterfangen, wie Erwin noch feststellen wird. Der Kumpel vermittelt zu dem „Verleiher des Hauses”, einem tätowierten, fins-ter dreinblickenden Burschen. „Was brauch’ste denn?”, fragt der. Erwin denkt nach und ordert: „1 Stange Ta-bak und 2 Bomben Kaffee, bis zum nächsten Einkauf.” „Haste Sicherhei-ten?” Moment, denkt Erwin, davon kennst du doch was, da bist du fit. „Sicherheiten? Mein Wort gilt und hier ist der Beleg über meinen Ein-kauf. Reicht das?” „Ich kenn dich überhaupt nicht, aber ich habe mich erkundigt, außerdem läufst du mir ja hier nicht weg. Also bis zum nächs-ten Einkauf. Auf die Stange Tabak bekomme ich 15 Pack zurück, für 2 Bomben Kaffee gibt es drei zurück! Alles klar?” Erwin bleibt die Luft weg. Er rechnet nach und weiß, dass er mit seinem jetzt vorhandenen Geld gerade diese „Abzock-Forderungen” ausgleichen kann. Fast wie draußen, denkt er. „Einverstanden”, sagt Er-win widerwillig und denkt sich: dir backe ich noch einen! Sein Zellen-kumpel ermahnt Erwin abends: „Sieh zu, dass das alles läuft, mein Freund, sonst haben wir beide ein Problem, ich habe dich schließlich dorthin ge-bracht!” „Ja, ja.”, murmelt Erwin zu-frieden, bis zum nächsten Einkauf ist es noch weit. Erst mal ist alles gere-gelt, denkt er und lehnt sich zufrieden zurück.

 
Manchmal ist ein Knacki des anderen Düwel 
Erwin war sich sicher: es kann nichts passieren. Doch was in vier Wochen so alles passieren kann! Immer noch hat er keine Arbeit, die Pfändung der Ex überholt Erwin auch in der neuen Anstalt, der Anwalt schreit nach Geld. Beim nächsten Einkauf reicht es gerade mal für die 1,5 Stangen Tabak. Und 2 Tafeln Schokolade für Erwins Nerven! Den Tabak plus Wucher-Aufschlag kann er zurückgeben, aber für die 3 Bomben Kaffee reicht es nicht mehr.
 
Erwin bittet um Aufschub bis zum nächsten Einkauf und weiß von draußen, dass solche „Kreditverlängerungsanträge” meist genehmigt werden. Nur läuft das hier etwas anders! „Für die 3 Bomben kriege ich in vier Wochen dann 4 Bomben zurück, mein Bester. Letzte Verlängerung, sonst unterhalten wir beide uns mal in der Dusche. Zur Sicherheit hinterlegst du erst mal deine Uhr bei mir, und in vier Wochen reden wir dann nicht mehr. Alles klar?” Erwin versteht die unmissverständliche Sprache des Verleihers. Wer im Knast in diesem Karussell ist, Schulden gemacht hat und nicht fristgerecht zahlt, kriegt eben Zoff, ohne großes Fragen und Sprechen. In solchen Fällen sehen die Beamten auch schon mal weg, das hat Erwin inzwischen mitbekommen. So entscheidet er sich, seine nicht ganz billige Armbanduhr zu verkaufen, um diesen Horrortrip so schnell wie möglich zu verlassen. Zwei geliehene Bomben für sein Schmuckstück, das mal einige hundert Mark kostete. Und doch: besser ist das. In Zukunft - so hat Erwin sich vorgenommen - wird er lieber die Zeitung rauchen und alte Teebeutel noch mal aufbrühen, bevor er wieder Schulden macht. Außerdem schwört er sich, baldigst Arbeit anzunehmen und bei den nächsten Einkäufen vor allem Tabak zu bunkern, damit immer was da ist, und er niemand mehr zu fragen braucht.
 
In der Zwischenzeit ist Erwin im neuen Verfahren rechtskräftig verurteilt, und Erwin fragt sich, wozu er dem Anwalt eigentlich Geld gezahlt hat, wenn sowieso alles umsonst war ... Jedenfalls hat Erwin endlich Gewissheit, wie lange er zu sitzen hat. Draußen muss er sowieso alles neu anfangen, da sein Geschäft inzwischen restlos den Bach runter gegangen ist. 
 Zum Seitenanfang
Entlassung: die letzte Kontobewegung  
Nach 2 Jahren wird Erwin Lindemann entlassen und nimmt 6 Monate auf Bewährung mit raus. „Damit wir Sie immer noch am Gängel haben.”, gibt ihm der Kammerchef mit auf den Weg. „Und wann bekomme ich nun mein Geld?”, fragt Erwin. „Gemach, gemach! Erstmal hoch zur VZ (Vollzugsgeschäftsstelle), danach kriegen Sie bei der Zahlstelle alles ausgezahlt. Hier geht nichts verloren.”
 
Dort rechnet ein Bediensteter Erwin vor: „Aus dem Überbrückungsgeld haben wir hier 1.100,- DM, aus dem restlichen Hausgeld und der Teillohnabrechnung noch DM 210,-. An Eigengeld stehen noch DM 54,20. Macht zusammen DM 1.364,20. Bitte hier unterschreiben.” 
Erwin ist frei. Er hat DM 1.364,20 bar in der Tasche und das ist frei verfügbares „Eigengeld“! Über den Zinsertrag aus dem Geschäft (wie werden aus  550,- nach 2 Jahren 1.364,20 DM?) wird Erwin sich heute abend bei einem Bier unterhalten - und er wird mal mit der blonden Maus telefonieren, ob nicht doch noch ....! 
Und irgendwann einmal wird er sich Gedanken über diese besondere Arten von Geld und Buchhaltung machen, die er im Knast kennen gelernt hat.
 
Zum Seitenanfang Zurück