"Time is money!" 
Oder: Geldfalle für Angehörige

Gedanken eines U-Häftlings. Von Rainer G.

Eltern, Geschwister, Ehepartner, Bekannte, Freunde und Freundinnen sind „Geldopfer”, für die es eine zusätzliche finanzielle Belastung bedeutet, einen Inhaftierten zu unterstützen.

Es ist kaum bekannt: einem Menschen in der „neuen Welt JVA” zu helfen, ist oft mit einem alles andere als unerheblichen Kostenaufwand verbunden. Je nach Entfernung ist der Zeitaufwand für einen Besuch mit einem halben oder einem ganzen Tag anzusetzen. Für ArbeitnehmerInnen kann leicht ein kompletter Urlaubstag anfallen, vor allem, wenn - wie in der JVA Düsseldorf - Besuch nur an Werktagen stattfindet. Zusätzlich fallen Fahrtkosten für den PKW oder für öffentliche Verkehrsmittel an (wenn Kinder oder Verwandte mitkommen: mehrere Fahrkarten). Die Einholung der Besuchsgenehmigungen für U-Häftlinge beim zuständigen Gericht wird mitunter auch zu einem Akt von Time & Money!

Bei längerem Aufenthalt können, je nach persönlicher Situation, Kosten für Miete oder Wohnungsauflösung anfallen. Gas- und Stromrechnungen, Zahlung der Restbeträge für Telefon und weitere wohnungsspezifische Kosten müssen geregelt werden. Ein weiterer erheblicher Posten sind die Anwaltskosten, die zu erbringen sind, damit sich überhaupt etwas tut, aber dazu ist ja im Ulmer Echo schon hinreichend geschrieben worden (s. UE 1/2000).

Es gibt aber zusätzlich noch viele „kleine Geldopfer”, die sich im Laufe der Zeit addieren. Das fängt bei der Wäsche des U-Gefangenen an. BesucherInnen können - und wir Inhaftierte erwarten das ja auch - an den Automaten für DM 20,- Tabak, Cola, Schokolade ziehen, im Monat bei drei Besuchen mal schnell DM 60,-. U-Gefangene erwarten gerne eine Bareinzahlung für den Einkauf auf das Konto: das sind dann gleich mal DM 100,- bis DM 300,- im Monat.   Viele  können  solche Sum-
men gar nicht aufbringen, aber jedes Familienmitglied versucht sein Bestes. Dazu kommen drei Pakete im Jahr, deren Inhalt mit je bis DM 200,- zu Buche schlägt. Um Briefe zu beantworten, erwarten wir beigelegte Marken: es läppert sich!

Die Liste könnte weitergeführt werden mit Geldeinzahlungen für Fernseher, Radio/CD-Spieler, Schachcomputer, Wecker usw. Es beschämt mich, dies weiter auszuführen. Manch einer überfordert seine Angehörigen, aber über einen Gewissenskonflikt wird nicht gesprochen, vielmehr wird gefordert!
Und auch ich träume von selbstgebackenem Weihnachtskuchen, den ich gerne im Weihnachtspaket hätte. Weil der nicht rein darf, sollen die sich doch draußen mal was einfallen lassen und so lange rumrennen, bis sie was Vergleichbares finden ...

Ich wünsche allen draußen, die uns helfen, eine gesegnete Adventszeit und besinnliche Weihnachten!
 

Zurück