Ein Gefangener begegnet Friedrich Spee
von Reiner Spiegel
 
Der nachfolgende Artikel von Frau Sophia Doms wird abgedruckt mit freundlicher Genehmigung von Frau Doms und der Friedrich-Spee-Gesellschaft Düsseldorf. Er ist erschienen im „Spee-Jahrbuch 1999”, S. 119-122, das von der Arbeitsgemeinschaft der Friedrich-Spee-Gesellschaften Düsseldorf und Trier herausgegeben wurde. 

Mich hat dieser Artikel sehr berührt. Er beschreibt, gesetzt in die Zeit vor ca. 300-400 Jahren, was Seelsorge im Gefängnis bedeuten kann. Nach meinem Eindruck ist das dort Beschriebene auch heute noch ein wichtiger Teil dessen, was Aufgabe von Gefängnisseelsorge ist und was Gefängnisseelsorger erreichen wollen. Gleichwohl bin ich mir darüber im Klaren, dass unsere Arbeit auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, da die Zahl der Gesprächswünsche weit über den Möglichkeiten der in den Gefängnissen tätigen Seelsorgerinnen und Seelsorger liegt.

 
Gedanken zwischen Tag und Nacht 
Von Sophia Doms 

Wenn die Sonne mit der Fülle ihres Lichts die Schatten der Gitterstäbe dunkel an die Wand zeichnet, wenn sie alle in ihr Schattenbild aufnimmt, die vorbeigehen, dann gehe ich wieder in Gedanken über die Felder, die ich bebaut habe, seit mein Vater starb, deren Ackerkrumen ich an meinen Händen trage. Und es scheinen mir die Felder am Boden eines Meeres zu liegen, das alle meine Rufe verschluckt. In die Stille hinein wachsen Schritte, ich fürchte sie und hoffe auf sie. Ich bin gewiss, dass Pater Spee wiederkommt, noch heute, noch ehe die Sonne auf ihrer Bahn fortgezogen ist, unter dem Horizont. 

Er ist Reiner Spiegel jeden Tag wiedergekommen, ein Schatten auf den von der Sonne geweißten Wänden, ein singender Schatten, ein Schatten, der Geduld gesungen hat. Er hat mich angesehen, als höre er seine Lieder aus meinen Augen heraus, und bald hätte ich ihn gebeten, mich zu lehren, was er darin höre. Jeden Tag trägt er das Buch mit sich, in dem er seine Lieder bewahrt, manchmal kauert er vor meiner Zelle und schreibt sie bei mir auf, dass ich zusehen kann, wie seine Feder Spuren hinterlässt und wie die Tinte, wenn ein Tropfen auf den Boden fällt, schwarz durch die Spalten zwischen den Steinen rinnt. 

Und er liest vor, was er geschrieben hat, und ich stehe an der Wand vor seinem Schatten und spüre den Wind über meinen Feldern und rieche die Ackerkrumen auf meinen Händen und bin frei. 

Ich habe Pater Spee zu meinem Hof geschickt, dass er meiner Frau und den Kindern das Büchlein zeige, mit seinen Liedern, als seien sie um meinetwillen geschrieben, dass sich der Wind in seinen Gewändern fängt, dass eine Ähre sich in den Falten seines Rockes verbirgt, eine Ähre von meinen weiten Feldern. Einen langen Weg ist er für mich gelaufen, und auf diesem Weg ist er für so viele andere stehen geblieben, die elend waren. Seinen Füßen hat der Weg gar nicht mehr enden wollen, und seine Augen konnten in der Dunkelheit das Feld nicht sehen, aber sein Herz hat es gefunden und mir alles zurückgebracht, sogar die Augen des Jüngsten, wie er mich immer anblickte, habe ich gesehen, als er wiederkam. 

Er hat niemals nach meinen Fesseln gesehen mit dem hungrigen Blick der Wächter, die für diese Fesseln, die sie den Menschen anlegen, ihr Brot bekommen. Die Wächter sehen höhnisch nach den Wolken am Himmel und höhnisch nach dem Weg, auf dem sie gehen, und sie verkaufen auch ihre eigene Freiheit mit den Ketten, die sie anderen anlegen. Es ist Weihnachten, und in dem Brot, das sie mir gegeben haben, habe ich Kerzen leuchten sehen, und in den Kerzen ein viel größeres Licht. Bald gehen sie nach Hause, die Wächter, und in die Kirche in ihrem Dorf und knien vor dem Altar, und in ihren Augen leuchten Gitterstäbe wider. In dem Gottesdienst, den Pater Spee ihnen hält, wird seine Hand nach dem Kreuzeszeichen schwer auf sie niedersinken, und ihre Schuld wird sie nicht verlassen. 

Nach der Andacht wird der Pater die Türen schließen  und alleine sein mit den Augen der Gefangenen, die er besucht in ihren Gefängnissen. Er wird alle diese Augen vor seinen Herren werfen und alles, was er von ihnen erinnert: von jenem, den sie verbrannten, die große Furcht, von dem, der vor mir in diesem Kerker saß, den Zorn, von einem anderen die großen Hände, die es nicht mehr ertrugen, dass es eine Wand gab und Gitterstäbe, und die immer wieder daran entlang fuhren. 

In der Mitte dieser Nacht wird er sein Büchlein holen, in dem er so vieles schon aufbewahrt hat, das die in Ungerechtigkeit Gefangenen ihn gelehrt haben. Und ein neues Lied werden sie ihn lehren, ein Lied für die Mitte der Nacht, die Schwester des Mittags. Er wird wieder fragen, was er zu oft schon gefragt, Fragen nach dem Leid der Gefangenen, dem Leid, das der Mensch dem Menschen schenkt, wie er ihm nicht Liebe schenkt, nicht Gold, nicht Zeit, nicht Geduld, nicht Nahrung. Die Gefangenen sind durch die Verfolger beschenkt, durch die Inquisitoren, die Dankbarkeit lehren wollen für die Stille im Kerker, für den Hunger, für den Schmerz, für die Folter. Mit einem Schatten, der sein Gesicht überfliegt, dem Schatten eines Gitterstabes auf den sonnigen Wänden, dem Schatten eines Peitschenhiebes, wird er die Frage stellen, die in seiner Feder weiterströmt wie ein Fluss und verwandelt wird. 

Die Frage, die zum Lied wird, wird sich bewahren in den Zeiten, in denen sich der Staub meines Leichnams mit der Erde versöhnt, in Zeiten, in denen auch mein Jüngster schon Staub ist und viele Nachkommen. 

Ich werde es ihm sagen, dass das Lied bewahrt bleiben wird, morgen noch werde ich es ihm sagen, damit er weiß, in welche Weiten der Fluss seiner Feder hineinfließt. Ich werde sie singen hören, die Nachkommen, was er an unseren Augen abgelesen hat, in den Kirchen werden sie singen, überreich genährt und mit Leibern, die niemals geschunden wurden, aber mit denselben Ängsten. Und meine Nachkommen werden nicht mehr wissen, dass Pater Spee vor meinem Kerker gekauert hat, um meinen Schmerz anzuhören, dass er mir den letzten Blick auf meine Felder mitgebracht hat und ein letztes Mal den Wind, der über mein Korn ging. 

Nichts kann so in die Unendlichkeit übergehen wie die Ängste, auf der Schwelle verwandelt in etwas, das größer ist als sie. 

Pater Spee wird noch heute Nacht das Lied vollenden, dieses nachgeborene Lied, das ich jetzt schon hören kann, jetzt, wo die Dunkelheit in meine Gitterstäbe einfällt und sie auslöscht. Morgen schon werden die Schmerzen, wenn sie mich holen, meinen Willen übersteigen, der sie nicht annehmen will, morgen schon werde ich nicht mehr wie Pater Spee nach Hilfe rufen können. 

Heute Abend beuge ich mich über die Gitterstäbe und höre, was noch nicht geboren ist, höre sein Lied: 
 

„O Heiland, reiß den Himmel auf, 
herab, herab vom Himmel lauf, 
reiß ab vom Himmel Tor und Tür, 
reiß ab, wo Schloss und Riegel für.”
Zurück