Weihnachten im Knast 
  
Gedanken von Maximus Pontifex 

Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, der Geschenke, der Ruhe und Besinnung. Es sind, draußen wie im Knast, die Tage mit der höchsten Selbstmordrate. Dies insbesondere aufgrund des Bewusstseins der Einsamkeit.

Wer mal draußen am heiligen Abend spät nach dem Besuch einer Christmette durch die Strassen geht, wird vielen Einsamen begegnen, die in unterschiedlicher Art und Weise versuchen, der Einsamkeit zu entgehen und dabei die Nähe anderer Menschen suchen. Gemeinsamkeit macht stark - oder nicht?  

Gemeinsamkeit macht stark 
„Hoffentlich sind diese Scheißtage bald vorbei!”. Das ist die vorherrschende Meinung der Inhaftierten, so denken Viele. Das ist einerseits recht gut zu verstehen. Gerade an diesen Tagen der Besinnlichkeit und Ruhe, dieser Zeit der zwanghaften persönlichen Einkehr, haben viele hier drinnen Probleme, die uns keiner abnehmen kann. Besonders schwierig ist´s für diejenigen, die Familie zu Hause haben. Über die, die Kinder haben und guten Kontakt zu ihnen, will ich gar nicht reden. „Papa, was denkst du dir eigentlich dabei, bist du nicht ganz dicht? Wir sind auch noch da, und wollen dich bei uns haben, denn wir haben dich schließlich lieb!” Starker Tobak, den ich mir von meiner Tochter anhören muss, aber Kindermund spricht die Wahrheit Stimmt, was hab ich bloß wieder gemacht, ich Idiot! Wohl kaum einer kann sich dabei dem Gedanken entziehen, nicht nur Schuld im Sinne des Gesetzes auf sich geladen, sondern mehr noch die Familie bestraft zu haben, die nun gerade gar nichts dafür kann. Aber alles Jammern nützt nichts. Jeder Einzelne muss da durch. Aber wer mit sich selbst im Reinen und auch mit seiner Familie/Partnerin in Beständigkeit und Verständnis verbunden ist, kann in Ruhe und in geistiger Gemeinsamkeit die Tage besser überstehen. Und durchaus etwas von seiner „Kraft” an andere weitergeben! Gemeinsamkeit macht stark - oder nicht? 

Hilfen in schweren Tagen 
So sollte auch jeder etwas von seinen positiven Gedanken an Mitgefangene weitergeben, die der Unterstützung bedürfen. Wir sitzen alle in einem Boot, und sollten uneigennützig zusammenstehen. Hilfe in Not oder Bedrängnis zu geben ist keine Schwäche, sondern eine Stärke und kann eine wunderbare Erfahrung sein. Dies hilft nicht nur demjenigen, der sie braucht, sondern stärkt auch das Selbstwertgefühl des Spenders. 
Für den Autodidakten gibt es eine Reihe von Selbsthilfen: Wer sich im Bereich Yoga auskennt, hat eine präventive Hilfe für schlechte Zeiten parat. Wer sich im esoterischen Gedankengut auskennt, weiß, wie sehr die Besinnung auf positive Gedanken und die Konzentration, eine Reinigung der verworrenen Gedanken herbeiführt. Klare Einsichten werden Trauer und Verzweiflung, Selbstmissachtung und Zweifel in Hoffnung und ein gestärktes Selbstbewusstsein verwandeln. Sicher nur für Vereinzelte eine Hilfe in den schweren Tagen für uns, aber sehr wirkungsvoll. Auch allgemeine Ablenkung im Knast hilft über die Tage des Jahreswechsels hinweg. Gemeinsame Gespräche beim Umschluss, Spiele aller Art und die in den meisten Knästen veranstalteten Turniere (Skat/Backgammon/Schach/Darts), bringen Zerstreuung und die Leute auf andere Gedanken. Positiv zu bewerten sind auch die erweiterten Umschlusszeiten zu den Feiertagen. Bedenkt man, dass diese Tage als Feiertage behandelt werden und damit einer Abendessenausgabe mit Verschluss um 15.00 Uhr belegt sind, kommt der daran anschließende Umschluss bis voraussichtlich 20.00 Uhr sehr gut. Entsprechende Verfügungen sind in Vorbereitung und werden bekannt gemacht. Trotzdem - durch die Feiertage sind wir „extra bestraft”, im Gegensatz zu den normalen Arbeitstagen, an denen wir viel mehr Gemeinsamkeiten haben. Es wird mehr und häufiger den Gedanken nachgehangen, die förmlich die Einsamkeit heraufbeschwören. Aber -  Gemeinsamkeit macht stark - oder nicht? 

Ratschläge – aber kein Allheilmittel 
Eine besondere Bedeutung kommt der Kirche in diesen Tagen zu. Nicht nur, dass Weihnachten ein hohes christliches Fest zur Geburt unseres Herren Jesus Christus ist, sondern auch ganz spezielle Anforderungen an den Knast stellt. Hier betreuen die Vertreter der kirchlichen Organisationen zwar die Gefangenen das ganze Jahr über, aber zur Weihnachtszeit sind sie sich ihrer besonderen Aufgabe verstärkt bewusst. Es werden verschiedene Gottesdienste abgehalten, die sich der Verarbeitung der allseitigen Probleme widmen, auch in schonungslos offenen Worten. Es werden Gesprächsrunden stattfinden, auch einfach „geselliges Beisammensein mit Kaffee, Kuchen und Gesprächen” sind vorgesehen und wichtig. Alle Veranstaltungen werden, wie jedes Jahr, besonders gut besucht sein. Die Gefangenen, die keine Pakete zu Weihnachten bekommen, werden von der Kirche versorgt. Über allem aber steht das Verständnis für die Verinnerlichung des christlichen Glaubens und die Botschaft: „Ich bin bei Euch, wo Ihr auch seid.” Gemeinsamkeit macht stark - oder nicht? 

Der Weg ist das Ziel 
Wie immer - viele gutgemeinte Ratschläge, aber kein Allheilmittel dabei. Dafür sind die Probleme des Einzelnen auch zu spezifisch, die Bedürfnisse des Einzelnen passen in kein Schema. Es macht sicher Sinn, eine Bilanz seines Lebens zu ziehen, und sich klar darüber zu werden, was man gedenkt, in Zukunft zu ändern. Ob der Einzelne das mit dem Glauben erreicht, mit der Unterstützung seiner Liebsten draußen, oder den gemeinsamen Gesprächen mit Kollegen, ist eigentlich unwichtig. Wichtig ist nur der Weg. Der Weg ist das Ziel (LaoTse). 

Gemeinsamkeit macht stark - oder nicht?

      
Zum Seitenanfang Zurück