Knast zu Weihnachten 
  
Gedanken von Michael S.
 

Für viele von uns ist es - leider - nicht das erste Mal. Einigen ist es aber fremd, dieses Gefühl „Weihnachten im Knast zu sein”. Eigentlich ein Fest der Familie, wird es hier zum Alptraum vieler Mitgefangener.

Natürlich gibt es hier auch die sogenannten Hardliner, die mit Weihnachten noch nie viel zu tun hatten, drinnen wie draußen. Was bietet uns der Knast zu Weihnachten? Einige Tage arbeitsfrei und somit 'ne endlose Schiene Langeweile zu schieben. Für diejenigen, die ohnehin keine Arbeit haben, ändert sich eh nichts. Natürlich gibt man uns länger Umschluss, es gibt ein besseres Essen und auf dem Spiegel steht wohl ein Tannenbaum, der uns daran erinnern soll, dass Weihnachten ist. 

Aber nichts von alledem spiegelt unsere „Feelings” wider, wenn wir auf unserer Zelle sitzen und unsere Gedanken in die Ferne schweifen, hin zur geliebten Familie, der Freundin, den Freunden, die alle da draußen ohne uns die Weihnachtstage verbringen. Wie gehe ich also damit um? Mit meinem moralischen Tief und der verdammten Bitterkeit im Hals, dass mich alles ankotzt. Vielleicht sollte uns ja einfallen, es beim nächsten Mal alles besser zu machen, nicht mehr in den Knast zu kommen und besonders nicht zu Weihnachten. Es sollte uns also nicht zu sehr stinken, dass wir Weihnachten im Knast sind, sondern vielmehr die Tatsache, dass wir auch andere Möglichkeiten gehabt hätten, als jetzt hier zu sein. Es gibt immer wieder neue Tage im Knast, an denen uns alles ankotzt, an denen wir wieder ein moralisches Tief haben. Ob es nun der Geburtstag ist, ob es Ostern ist, oder eben Weihnachten. Wir sollten also die Weihnachtsfeiertage dazu nutzen, alles einfach so zu nehmen, wie es ist. Dann ist es erstens nicht so schwer und zweitens bleibt die Hoffnung, dass viele von uns am nächsten Weihnachten nicht mehr hier sind. 

Auch ich wäre lieber im Kreise meiner Familie, aber ich habe es mir selber versaut und muss die Konsequenzen nehmen, wie sie sind. Trotz allem wünsche ich Euch ein ruhiges Weihnachten 2000 im Knast.

      
Zum Seitenanfang Zurück