Die zwölf Fremden 
  
Eine Geschichte über Weihnachten vom Kriegsgefangenen im Krieg 1940 von Barbara Bartos-Höppner
 
Meine Mutter war eine kleine Frau mit braunen Haaren und braunen Augen. Sie strahlte Wärme und Güte aus, und niemand, der Rat oder Hilfe brauchte, ging leer von ihr fort, niemand hungrig von ihrem Tisch, auch in den schwersten Notzeiten nicht. Ein Unrecht nahm sie nicht hin, sondern wehrte sich energisch dagegen. Wenige Worte waren ihr stets lieber als lange Reden, aber sie war nicht etwa ein schweigsamer Mensch. In ihrer lebhaften Art erzählte sie oft bis in die tiefe Nacht hinein. Sie wusste in der Bibel nicht gut Bescheid, und doch kenne ich keinen Menschen außer ihr, dem es selbstverständlich war, anderen zu helfen, andere mit Liebe zu beschenken. 

So erinnere ich mich an die Kriegsweihnacht des Jahres 1940. Wir hatten einen Teil des großen Hauses leer räumen müssen, um Platz zu schaffen für französische Kriegsgefangene. Vorübergehend, wie es hieß. Ich sehe uns noch voller Neugier hinter dem Fenster stehen, als die zwölf Männer kamen. Ein deutscher Soldat mit einem Gewehr, ging zur Bewachung mit. Wären sie nicht unterschiedlich groß gewesen, wir hätten sie nicht unterscheiden können, so sehr glichen sie einander mit ihren abweisenden Gesichtern. Mein Vater war im vergangenen Krieg in Frankreich Soldat gewesen, einer meiner Brüder in diesem, und beide hatten sie das schöne Land, die großartigen Städte und die liebenswürdigen Menschen gepriesen. Wir glaubten, es müsste etwas davon in diesen zwölf Franzosen unter unser Dach ziehen. 

Nichts dergleichen war zu spüren. Mürrisch bezogen sie ihre Unterkunft, wir hörten sie laut und anhaltend streiten, mit den Schemeln poltern und ununterbrochen mit ihren Holzschuhen über den Fußboden schlurfen. Wir hatten den Eindruck, dass ihnen nichts, aber auch gar nichts passte. Die Unterkunft war ihnen zu eng, die Holzbetten zu hart, die Decken zu dünn und das Wetter zu kalt. Wir konnten das nicht ändern, und so wären wir diese unzufriedenen Menschen gerne lieber heute als morgen wieder los gewesen. Je zwei von ihnen holten das Essen ab, das meine Mutter in unserer Küche für sie kochte. Immer setzten sie verdrossene Mienen auf. Eines Tages wurde es meiner Mutter zuviel, und als die Essenholer  erschienen, sagte sie: „Bonjour, messieurs!” Von nun an hörten wir stets ein durch die Zähne gequetschtes „Bonjour”, und manchmal ein  
„Merci”. 

Die Wochen vergingen. Der erste Schnee fiel, die Temperaturen sanken, die Franzosen froren heftig. Weihnachten rückte heran. Noch hofften wir, zum Fest wieder alleine zu sein. Aber die Hoffnung erfüllte sich nicht. Was uns aber alle, besonders meinen Vater, überraschte, war, dass die Mutter so viel Pfefferkuchen und Plätzchen backen wollte. Alle seine Verbindungen musste Vater spielen lassen, um genug Mehl, Schmalz und Zucker  herbeizuschaffen. „Ich möchte bloß wissen, wer das alles aufessen soll”, sagte er eines Tages. „Wir sind genug Leute”, antwortete die Mutter, doch wir ahnten nicht, wen sie in dieses „wir” alles mit einbezog. Aber „wir” waren ja nicht nur eine große Familie, sondern wir hatten noch größere Verwandtschaft. Also backten wir Berge von Pfefferkuchen und Plätzchen, kneteten aus Grieß, Puderzucker und Mandelaroma falsches Marzipan und sparten hier ein Löffelchen Öl und dort ein Stückchen Schmalz für den Christstollen auf. Nach dem Weihnachtsbaumeinkauf kamen Vater und Mutter mit einer prächtigen Fichte wieder. Einen Tag vor Weihnachten aber sagte die Mutter: „Du musst noch einmal auf den Christbaummarkt gehen.” „Willst du in diesem Jahr zwei Bäume putzen?” fragte der Vater. „Warum nicht?” antwortete die Mutter und lachte. 

Auf einmal wurde uns klar, was die Mutter plante, und am Abend putzten wir erst unseren großen Christbaum und dann das kleine Bäumchen mit Lichtern und Lametta. Wir fragten Mutter nicht danach, wie sie es sich für den nächsten Abend gedacht hatte. Wir wussten, dass bei ihr immer alles in guten Händen war. 

Als wir uns am heiligen Abend zum Festessen um den Familientisch versammelten, weihte die Mutter den Wachtposten ein. Er murmelte etwas von „verboten, gegen die Vorschrift”, aber Mutter antwortete: „Wer am heiligen Abend unter unserem Dach ist, soll spüren, dass Weihnachten ist. Ich könnte nicht Weihnachten feiern, wenn es anders wäre.” Damit war die Bahn frei. Vater musste einen großen Topf Punsch brauen. Wir stellten zwölf Gläser und zwölf Teller zurecht. Sie wurden bepackt mit Pfefferkuchen, Mürbeplätzchen, Zimtsternen, Grießmarzipan und Äpfeln. Haselnüsse und Walnüsse als Beilage und dicke Stücke vom frisch aufgeschnittenen Christstollen. Zu jedem Teller ein Schälchen mit Mohnklößchen. Mein Vater drückte der Mutter ein paar Schachteln Zigaretten in die Hände. 

Jetzt musste der Wachtposten die Franzosen in einen Nebenraum dirigieren, und der Vater trug den Christbaum hinüber. Wir schleppten Teller und Gläser hinterher und während der Vater den Punsch in die Gläser füllte, zündete Mutter die Kerzen an dem kleinen Christbäumchen an. Dann verschwanden wir. 
Es mag eine halbe Stunde später gewesen sein. Wir saßen mit unseren Geschenken um den Christbaum herum, die Kerzen flackerten, die Tannenzweige dufteten, es war warm und still.. Da hörten wir sie kommen. Ganz leise tappten 12 Paar Füße auf Socken über die Dielen. Einer der Franzosen klopfte und sie kamen alle herein. Im nächsten Augenblick war meine Mutter umringt und ein zwölffacher Redeschwall ging auf sie nieder. „Merci, Madame, merci!” war zu verstehen. Dann kam der Vater an die Reihe, dann jeder von uns. Und auf einmal hatten sie nicht mehr alle die gleichen Gesichter und sie fingen an, von zu Hause zu erzählen. Sie holten die Bilder ihrer Familien hervor. Sie waren keine fremden Gefangenen mehr, sie waren nur noch Menschen, die in die Kriegswirren verstrickt waren. Mutter hatte vom ersten Augenblick an nichts anderes in ihnen gesehen, wir mussten erst lernen, so zu sehen. 

Die Tür war wieder verschlossen. Draußen war es kalt und draußen war der Krieg. In unserem Haus war Frieden geworden an diesem heiligen Abend.

 
 
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